Von Klo und Donnerbalken – Warum Fortschritt immer noch stinkt

Warum stinkt der Fortschritt manchmal?
Vom Donnerbalken bis zum Designer-WC – in dieser Folge des Schalltrichters geht’s um das ehrlichste Thema der Menschheit: das Klo. Humorvoll, historisch und herrlich menschlich.
Jetzt reinhören – es wird königlich komisch!
Heute gehen wir aufs Klo.
„Ich muss mal“ – das sagen wir leise, beinahe entschuldigend, als handle es sich um ein gesellschaftliches Versehen und nicht um ein biologisches Grundrecht.
Als hätte schon der Neandertaler seinem Clan zugeraunt: „Bin gleich wieder da, muss mal ins Badezimmer.“
Natürlich hat er das nicht. Der hatte kein Badezimmer, und schon gar keine Badeente. Er hatte bestenfalls einen Busch.
Doch so, wie wir heute darüber sprechen, könnte man meinen, die Menschheit habe ihre Klokultur von Anfang an diskret, duftneutral und sprachlich hochfein geregelt.
Dabei gibt es für diesen banalen Ort so viele Bezeichnungen wie Ausreden, warum man ihn gerade nicht putzen kann: Klo, Toilette, WC, Locus, stilles Örtchen, Doppelnull – manche sagen auch schlicht: Scheißhaus.
Nach dem Busch der Vorzeit kam lange Zeit – nichts.
Jahrtausende menschlicher Geschichte und Evolution zogen ins Land, ohne dass jemand die Idee hatte, diesem Grundbedürfnis einen festen Platz zu widmen. Man ging einfach „hinaus“. Wo genau, war eine Frage der Gelegenheit, des Windes und – falls vorhanden – der Entfernung zu anderen Menschen.
Mancher suchte den Schutz eines Busches, andere das Ufer eines Flusses, manche einfach die andere Seite des Lagerfeuers. Diskretion war ein Luxus, den die Steinzeit noch nicht kannte.
Die Natur war großzügig, solange man schnell genug war.
Denn je nach Dringlichkeit, Gesellschaft und vor allem der Windrichtung, hatte man mitunter durchaus Grund zur Eile.
Die Reinigung war eine Frage der Verfügbarkeit. Blätter, Moos, manchmal Schnee – die Natur bot ein erstaunlich breites Sortiment an Einwegartikeln. Nur die Haltbarkeit ließ zu wünschen übrig, das konnte schon auch Spuren hinterlassen.
Und wer riesiges Pech hatte, erwischte nur Brennnesseln. Unglaublich reinigend, hinterließen jedoch eine gewisse Nachwärme.
Schließlich erfand man den Donnerbalken – eine pragmatische Lösung für das Problem der wiederkehrenden Notdurft. Ein einfacher Baumstamm, quer über eine ausgehobene Grube gehängt, bot dem Menschen erstmals so etwas wie Sitzkomfort.
Der Name erklärt sich von selbst: Was dort hineinfiel, tat es selten geräuschlos. Man könnte sagen, es war der erste Versuch, dem Chaos Struktur zu geben – eine Holzbrücke zwischen Natur und Kultur, über einem Abgrund voller … Menschlichkeit.
Erst viel später, bei den Römern, bekam das Ganze dann Form und einen gewissen Hang zur Hygiene. Sie ersetzten Blätter und Moos durch den berühmten Schwamm, der gemeinschaftlich genutzt, aber immerhin regelmäßig ausgespült wurde.
In Rom machte man gar kein großes Geheimnis aus seiner Notdurft.
Die Latrinen waren öffentlich, steinern und in ihrer Offenheit fast schon demokratisch: Man saß nebeneinander auf langen Marmorbänken, in denen kunstvoll runde Öffnungen eingelassen waren – eine Sitzordnung, die die Kommunikation förderte. Man musste letztlich miteinander reden, um die etwas pikante Geräuschkulisse zu übertönen.
Im Grunde war es der alte Donnerbalken, diesmal nur in Stein gegossen und mit Waschmöglichkeit. Der Fortschritt hatte sich gewaschen, buchstäblich.
Das war was! Gemeinsam schwitzen, plaudern, diskutieren und drücken – während die Verdauung sich ganz natürlich… entfaltete. Oder, je nach Perspektive, erledigte.
Zur Reinigung diente der Schwamm am Stiel, der nach Gebrauch in Salzwasser ausgespült und dem nächsten gereicht wurde – ein frühes, wenngleich feuchtes Beispiel europäischer Solidarität. Unter den Bänken allerdings schufteten Sklaven, die das Abwasser in Bewegung hielten und für frische Schwämme sorgten. Der Fortschritt braucht schließlich Personal, das hat sich bis heute nicht verändert. Auch die dazugehörige Perspektive nicht, anbetrachts dessen, was diese Menschen zu sehen bekamen, wenn sie nach oben blickten.
Dabei ging es nicht nur um das Körperliche. Die römische Latrine war Treffpunkt, Forum und Nachrichtenbörse zugleich. Hier wurde Politik gemacht, Klatsch gepflegt und der letzte Weinvorrat besprochen – im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe.
Niemand hätte dort von einem „stillen Örtchen“ gesprochen.
Es war laut, es roch, und es war voller Leben.
Aber immerhin: Es war eine Institution. Und – man höre und staune – es gab Wasser.
„Latrina“, vom lateinischen lavatrina, abgeleitet von lavare, also waschen.
Der Körper, so glaubte man nach Seneca, müsse gepflegt, nicht geschmückt werden – regelmäßig gereinigt, aber keineswegs versteckt.
Ein Gedanke, der später lange Zeit als frivol galt.
Denn nach dem Untergang Roms kam die große Verlegenheit.
Plötzlich war Scham die neue Hygiene, und man nannte das Notwendige lieber metaphorisch.
Statt „Ich muss aufs Klo“ sagte man nun: „Ich gehe zum Ort der Notwendigkeit.“
Auf Latein natürlich – „locus necessitatis“, später verkürzt zu „locus.“
Eine Umschreibung, die klingt wie eine Pilgerstätte, bei der man nicht zu genau wissen will, was dort angebetet wird.
Im Deutschen wurde daraus der Abtritt – ein Wort, das zunächst nach höflicher Verabschiedung klingt, aber faktisch bedeutete: Ich trete etwas ab und lasse etwas liegen.
Auch eine Form der kulturellen Übergabe.
Aus dem römischen Schwamm wurde im Mittelalter allerdings ein Rückschritt.
Man kehrte zurück zu Moos, Heu, Lappen, zur bloßen Hand oder – bei großem Glauben – auch zum Kreuzzeichen, je nach sozialem Rang.
Der Schwamm war Geschichte, die Hygiene auch.
Man könnte sagen: Der Fortschritt wurde weggespült.
Dafür blühte die Frömmigkeit.
Während man in Rom noch lesen, schreiben und sich waschen konnte, hielt man im Mittelalter das eine für überflüssig und das andere für gefährlich.
Wissen wurde Privileg – reserviert für Klöster und Adelshöfe, wo man sich sogar wusch, wenn’s die Bibel erlaubte.
Das Volk dagegen blieb ungewaschen, dafür gottgefällig.
Man hatte gelernt: Ein sauberer Körper nützt wenig, wenn die Seele verdächtig nah zur Hölle ist.
Und: Ein gelehrtes Volk war gefährlicher als ein sauberer Hintern – und letzterer war ohnehin selten.
Die höfischen Jahrhunderte perfektionierten die Form dieser Verschleierung.
Nicht das, was es ist, zählte – sondern wie man es nannte.
Der Adel ging nicht aufs Klo, er entfernte sich dezent „in sein Kabinett“, was zwar geheimnisvoll klang, aber akustisch wenig Unterschied machte.
Ludwig XIV. trieb die höfische Würde dann auf die Spitze.
Er gab sogar Audienzen auf dem Abort – dort fielen große Entscheidungen und andere Dinge gleichzeitig.
Der Sonnenkönig verrichtete seine Geschäfte im Beisein auserwählter Höflinge, die sich dort mit derselben Würde verneigten wie im Thronsaal.
Man sah, man roch – und man schwieg.
Das war Macht in Reinform: sich entleeren dürfen, ohne Würde zu verlieren.
Heute entleeren sich die Mächtigen noch immer – nur nicht mehr körperlich, sondern sprachlich.
Das Ergebnis bleibt vergleichbar: Oft ist’s einfach Dünnpfiff.
Und auch der Schwamm kehrte zurück bei Hofe – samt Personal, denn für den Fortschritt braucht man bekanntlich immer jemanden.
Das heißt: ein Diener reinigte ehrfürchtig den königlichen Körper – ja, den Arsch wischen – und entleerte den Topf unterm Thron.
Vielleicht stammt daher auch das Wort Arschkriecher.
Ursprünglich eine Berufsbezeichnung, später ein Charakterzug.
Jetzt könnte man sagen: Die Zivilisation hatte wieder einen Schritt nach vorn gemacht – oder wenigstens jemand anderen dafür zuständig.
Wirklich poetisch wurde es dann mit den Franzosen.
Sie nannten das Ganze zunächst völlig unschuldig toilette – das war anfangs nur ein kleines Leinentuch, das man auf den Schminktisch legte, damit kein Puder auf den Mahagoni rieselte.
Doch wie so oft im Leben veränderte der Gebrauch die Bedeutung.
Aus dem Tuch wurde ein Ritual – das tägliche Herrichten, Pudern, Frisieren, Zurechtrücken der Perücke. Aus dem Ritual wurde die Toilette, aus dem Raum ein Ort mit Eimer – und aus dem Eimer schließlich das, was wir heute benutzen.
Die Toilette wurde so vom Schmucktisch zur Schüssel – eine semantische Talfahrt mit höfischem Parfüm.
Und siehe da: Auch der Schwamm feierte einen Imagewandel – diesmal zart duftend zum Gesichter pudern, mit Rosenwasser getränkt und hygienisch einwandfrei.
Ja, man stelle sich das Gegenteil mal vor!
Die Briten, berühmt für Understatement und schlecht isolierte Fenster, begegneten dem Thema mit technokratischer Distanziertheit.
Man sprach nicht von Körper oder Bedürfnissen – das war ohnehin verpönt – sondern vom Water Closet.
Ein Closet – eigentlich ein Abstellraum, wie treffend im Grunde! Mit Wasser, weil man ja spülen musste – nun, eben ein Water Closet.
So sachlich britisch wie ein Regenschirmständer.
Und der Schwamm? Der war noch immer da – inzwischen auch in bürgerlichen Besitz und mit klaren Zuständigkeiten.
Er hatte sich vom römischen Gemeinschaftswerkzeug zum britischen Einzelstück entwickelt: diskret, feucht, zuverlässig – wie alles, was man auf der Insel schätzt.
Das Water Closet -WC- wurde zur standardisierten Erfindung im Grundriss bürgerlicher Anständigkeit.
Hier wurde nicht gesprochen. Hier wurde gespült.
Niemand sagte profan: „Ich muss aufs Klo.“ Man sagte: „Entschuldigen Sie mich bitte für einen Augenblick.“ Und jeder verstand: Dieser Mensch hat einen Termin mit der Schüssel.
Doch die vielleicht charmanteste Lösung fand das Hotelwesen.
Hier, wo Räume nummeriert werden, gab es noch keine Water Closets auf den Zimmern.
Aber immerhin hatte jedes Stockwerk seinen eigenen Abtritt – fast schon wieder römisch, ein Klo für alle.
Und weil das natürlich kein Raum zum Schlafen war – wer wollte schon dort wohnen, wo andere kacken – bekam dieser Ort seine eigene Zimmernummer. Ordnung muss sein.
Oder besser: zwei Nummern. Null Null.
Die Doppelnull.
Volksetymologisch wird behauptet, das stünde für zwei Schüsseln – Damen und Herren. Historisch komplett falsch, aber poetisch durchaus erträglich.
Und der Schwamm? Der hatte endlich ausgedient.
Er wurde vom Papier abgelöst – endlich ein Fortschritt, den man wirklich abreißen konnte, ohne einen armen Angestellten damit zu beschäftigen.
Allerdings ließ die Qualität zu wünschen übrig.
Die Haltbarkeit erinnerte bisweilen an den Schnee von früher – schön anzusehen, aber rasch dahin.
Was dann nicht selten zu lautstarken Ausrufen des Ekels führte, die man nur schwer überhören konnte.
Und wer glaubt, James Bond sei der berühmteste Agent mit Null Null, hat noch nie gesehen, wie ein Gentleman im Hotel mit Anstand ein öffentliches WC betritt.
Agent 00, Stockwerk 7 – Lizenz zum Abtreten.
Heute haben wir die ganze Palette verfügbar:
Latrine, Locus, Klo, Toilette, WC, Badezimmer, stille Örtchen, Herrentoilette, Damentoilette, All-Gender-Sanitärbereich.
Aus dem Schnee von gestern wurde ein Schwamm, aus dem Schwamm dünnes Papier – und aus dem Papier schließlich das feuchte Tuch, mit dem wir heute die Kanalisation verstopfen.
Technisch sind wir im 21. Jahrhundert angekommen – mental sitzen wir noch immer auf dem Donnerbalken.
Man sagt, wir leben in einer offenen Gesellschaft.
Aber kaum ein Raum ist so abgeschlossen wie der, in dem wir wirklich wir selbst sind.
Und kaum ein Vorgang wird so sorgfältig verschleiert wie das, was dort passiert.
Wir dekorieren unsere Klos mit Muscheln, Duftsteinen, Motivdeckeln und Wandtattoos.
Wir lesen dort, scrollen, denken nach, spielen Sudoku – kurz: Wir leben darin wie in einem zweiten Wohnzimmer.
Aber nennen tun wir es immer noch nicht beim Namen.
Trotz allem Fortschritt, trotz Parfüm, Spültechnik, Bidet und Händetrockner, eines bleibt immer gleich: das Klo ist der eine Ort, an dem Jeder sehr menschlich wird.
Selbst wenn wir die Schüssel aus Marmor meißeln und automatische Deckelheber installieren; hier, wo der Kaiser sitzt wie der Knecht, der Vorstand wie der Pförtner, und wo Reiche und Schöne dasselbe Geräusch machen wie alle anderen – hier endet die Hierarchie.
Man kann den Thron vergolden – aber nicht den Geruch.
Oder, um es deutlicher zu sagen: Am Ende scheißen wir alle gleich.

