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Morgenmuffel

23. Juli 2021

Morgenmuffel

23. Juli 2021

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Grummelig oder Unschuldig?

Ich hasse den Spruch: Steht auf, die Sonne scheint!
Und? Was soll ich denn machen mit dem Licht – Photosynthese?

Dieser Ruf ist für mich eine Dissonanz, ein Misstönender Chor, nahezu ein quälender Fluch, den mir nur eine Hexe miesesten Charakters antun kann.
Nein, ich saufe nicht.
Ich bin ein Morgenmuffel.

Ich finde ja, das auch wir Morgenmuffel eine Organisation haben sollten, die sich um die vollständige Integration und Toleranz unsereins in der Gesellschaft kümmert. Einen Pride-Monat für Morgenmuffel, hunderte Demonstranten mit Polstern im Gesicht die torklend durch die Straßen ziehen und – nein – keinen Radau machen, das ist, was wir am wenigsten leiden können beim wachwerden. Stille. Stell Dir einen absolut Stillen Platz vor, 100e Menschen, die gegen die Diskriminierung unsereins schweigend protestieren und jeder, der vorbeikommt, ist solidarisch mit uns still …!

Wie kann es sein, das so etwas wie Frühaufsteher – man nennt solche Subjekte auch Lärchen tadellos in die Gesellschaft integriert sind? Hingegen Morgenmuffel – die sogenannten Eulen – aber verpönt, und total verkannt werden?

Was ist das für eine Gesellschaft, die Morgenmuffel als verkatert, grantig oder faul bezeichnet? Das sind wir gar nicht!
Es gibt auch eine wissenschaftliche Erklärung, warum manche Menschen Morgenmuffel sind. Siehe Links in der Beschreibung.
Den Forschern ist gelungen ein Gen nachzuweisen, das unsere Innere Uhr steuert. Und die ist unterschiedlich bei verschiedenen Menschen.

Ich bin eine solche Eule – am produktivsten Abends zwischen 20 und 2 Uhr. Das ist mein Vormittag. Lärchen sind vor Mittag am aktivsten und werden meist dann müde, wenn unsereins erst in Fahrt kommt. Das heißt: für mich wäre ein Tag perfekt, wenn ich Nachts arbeiten kann und Tagsüber in Ruhe schlafen könnte. Ohne Sonne. Aber die Welt lässt mich nicht.
Die Sonne scheint ja und deshalb muss man raus. Die Leute fahren zur Arbeit und leben ihr Leben, also muss man mit.

Alternativ böte sich an auf der gegenüberliegenden Seite des Globus zu leben. Aber chinesisch lerne ich heute nicht mehr. Und so lebe ich mit dem unbill.

Frauchen tanzt morgens durchs zimmer wie ein tollwütiges Rumpelstilzchen, es scheppert in der Küche: „Schaaatz, steh endlich auf!“ um zu verhindern, das ich mein wohlverdientes Mützchen Schlaf bekomme.

für mich haben Geschäfte mitten in der Nacht offen und Chef will natürlich ausgerechnet in meiner REM Phase, das ich endlich mein Pensum erfülle. Was für ein Alptraum! Man kann schließlich nicht klar denken oder Entscheidungen treffen, wenn einem der Stoffwechsel erzählt, das man noch im Tiefschlaf ist.

Wenn mein Wecker läutet, kanns schon sein, das ich den lange nicht höre. Leider passiert es mir sehr häufig, das ich, noch im Halbschlaf, den Wecker beende und noch in derselben Bewegung weiterschlafe.
Schafft es mein Gedächtnis an die Peripherie des Verstandes zu klopfen: „Hey, Alter, Du muss heute zum Finanzamt“, dann komme ich auch raus aus dem Schlaf. Oft aber schlafe ich genauso weiter, ohne den Wecker bewusst wahrzunehmen. Das Gedächtnis steht dann da, trommelt an die verriegelte Türe wie einst Fred Feuerstein und bettelt vergeblich um Einlass.
Solang mich keine Termine jagen, ist alles ok – aber einen Termin zu verschlafen kann zur Peinlichkeit schlechthin werden. Speziell dann, wenn es öfter mal bei demselben vorkommt.

Wie soll ich mich dafür noch entschuldigen?
Ich bemühe mich ohnehin rechtzeitig schlafen zu gehen, wenn meine Type nächstentags an einem Ort zu einer bestimmten zeit verlangt wird. Es nützt halt alles nichts, wenn ich mich dann stundenlang in einer Halbtrance im Bett wälze, schlechte Träume habe und morgens nicht bei sinnen bin.

Was für ausreden ich schon benützt habe, von Krankheit und Tod könnte ich da erzählen – aber irgendwann helfen auch die Besten Ausreden nicht. Denn man passt nicht in ein System das um den Tag herum aufgebaut ist. Und Oma kann nur einmal sterben.

Wenn ich es schaffe mich an den Bettrand zu wälzen, muss ich da eine Minute sitzen, damit mein Gleichgewichtssinn die richtige Balance findet, der Kreislauf liegt ja noch 3 Meter unter der Matratze und lotet die Tiefen des so ersehnten Schlafes aus.

Da ich ein Mann bin – und die meisten Männer werden mich verstehen – gibt es morgens öfter gewisse >Dringlichkeiten<, die mich, stark richtungsweisend, zum Badezimmer lenken. Also ist ein schneller Verstand oder wässrige Dominanz vonnöten, um mich morgens dem Schlaf fernzuhalten. Beides recht unzuverlässige Wächter. Die Freunde Kleiderkasten und Türstock wechseln sich in schöner Regelmäßigkeit darin ab, mich zu mobben. Kleiderkasten tendiert dazu, ganz der starke Bursche, mir gerne eine Breitseite zu verpassen. Es ist egal, wie sehr ich mich um ausweichende Manöver bemühe, mit einer seiner 6 Türen habe ich oft Vollkontakt. Türstock ist fieser, ein kleiner hinterfotziger Trittbrettfahrer. Bei dem weiß ich nie, ob ich gleich heulend meine kleinen Zehen am linken Fuß halten werde – weil er mir unvermittelt das Bein stellt – und ich wie eine verrückter Kastenteufel auf einem Bein in mein Bett rotiere oder ob ich die erste Hürde meines Erwachens unbeschadet überstehe. Ich habe ein Ritual beim aufwachen. Nachdem Kleiderkasten und Türstock überstanden sind, patsche ich direkt in meine Wohnküche. Dort wird erstmal, mit auswendig gelernten Griffen, meine Espressokanne mit Wasser und Kaffee gefüllt und bei kleiner Temperatur auf den Herd gestellt. Kleine Temperatur deshalb, weil ich so mehr Zeit für den zweiten Teil meiner Zeremonie habe. Vom Schreibtisch hole ich die immer gleichen 4 Dinge. Mein Handy, die Lesebrille, eine Zigarette und ein Feuerzeug. Und so bewaffnet schlurfe ich zurück und ins Badezimmer. Meine Habseligkeiten werden nun auf den Rand der Badewanne gelegt, wo ich sie hernach, auf dem Porzellan Thorn ruhens, leicht erreiche. Aber zuvor noch der erste mühsame Konzentrations-Aufwand. Die Kontaktlinsen müssen ins Auge gepfropft werden. Schwierig, wenn man ohne so verschwommen sieht, das selbst David Hamilton – als Fotograph das Weichzeichnungsgenie der 80er – seine Nebel-Filter schärfer stellen würde. Und dann ist es endlich Zeit, dem Drängen unter meiner Körpermitte erleichtert nachzugeben. Früher hatte ich eine Zeitung, heute liest man ja am Handy. Neuerdings logge ich mich zunächst bei Instagram, Youtube und Facebook ein, um zu sehen, ob da denn neue Kommentare oder Likes für meinen Podcast zu finden sind. Und bei meiner ersten Zigarette, wird dann die Kronen Zeitung gelesen. Ja, das ist ein Schundblatt, ganz polemisch. Und eben weil man das darin berichtete nur mit einem Körnchen Salz nehmen darf, reicht es erstmal aus, um langsam die Gehirnzellen anzukurbeln. Merken tu ich mir >das< Geschriebsel ohnehin noch nicht.

Die Zeit, die mein Kaffee benötigt um auf kleiner Flamme fertig zu werden, reicht, um meine Sucht zu befriedigen. Wenn die Kanne dann am Herd schön brodelt, ist auch mein Ritual beendet.
Aufnahmefähig bin ich da allerdings noch nicht.

Geräusche scheinen unnatürlich laut, weil die Filter des Verstandes noch nicht so richtig arbeiten. Laute Stimmen oder Lärm sind mir da ein Gräuel.
So ungefiltert schneidet das Laute tief in meine Gehirnrinde und ich habe nichts, um dem langen Echo, das da durch die leeren Gedankengänge stobt, etwas entgegenzusetzen. Das stört ungemein.
Es hallert und rumpelt im Kopf, aber aus dem gehörten etwas logisches zu formen gelingt noch nicht. Weshalb man mir da besser noch keine Fragen stellt, die denken erfordern.

Mit brummiger Stimme versucht man zu erklären, das jeder Gedankengang gerade so schwer ist, wie Bankdrücken im Fitnessstudio und das es noch ein bisschen Zuviel der Sinneseindrücke ist. Aber leider fehlt da auch ein Filter. Die Worte kommen nur grummelig, manchmal scharf, aus meinem Mund.
Das ist keine Abwehr des Gegenübers man ist gar nicht grantig, das ist bloß Schutz vor dem Zuviel und dem Zulaut.
Es scheint so, als würden alle Geräusche gleichzeitig auf mich eintrommeln. Ein sensorischer overload in meinem Kopf.

Dem Gehirn fehlt es noch an Sauerstoff, der Kreislauf hat grad einen Meter seines Aufstiegs unter der Matratze geschafft. Kein Wunder, wenn man um diese Zeit eigentlich noch im Tiefschlaf sein sollte, würde man seinem eigenen Rhythmus folgen können.

Ganz schwer ists auch mit Berührungen am Morgen. Direkt mal umarmen und kuscheln ist Ok, feinsinniges Streicheln mit den Fingerspitzen jedoch nur schwer erträglich. Das geht wie die Geräusche unglaublich tief und ist nicht erregend, sondern eher unangenehm. Jede Unebenheit auf meiner Haut macht sich unter den Fingern bemerkbar, das scheint fast schon an den Knochen zu kratzen. Wer da einen Mitesser erwischt oder ein Wimmerl – für meine Deutschen Freunde: Pustel – lebt nachgerade gefährlich.
Ich hasse Versuche anderer, meine Haut davon zu befreien ohnehin. Aber im Aufwachen? Da werde ich zum Tier!

Für Sex am Morgen langt mein Aktivitätslevel nur sehr selten. Nicht das ich mir da keinen Sex passiv gefallen lassen würde! Allerdings ist es ein wenig Zuviel gefordert, da selbst zu einem Casanova zu werden. Zerfledderter Kampfhahn trifft es besser.

Nach der Toilettenlesung wird der Kaffee geholt und ich setzte mich üblicherweise an meinen PC. Derzeit übe ich jedoch, darauf zu verzichten. Neuerzeits wird schon beim Espressokannen befüllen auch noch ein Müsli hergerichtet, damit es sich während der Brauzeit des schwarzen Göttergetränkes mit Milch vollsaugen kann – soll besser verdaulich sein. Ich möchte versuchen, das etwas befremdliche Ritual des Frühstücks in meinem zeremoniellem morgen-Ablauf zu integrieren. Die Zeit wird zeigen, wie gut mir das gelingt..

Ich brauche morgens einfach länger, um mein Bewusstsein aus den dunklen modrigen Gefilden des Schlafes zu holen und Energie aufzubauen. Üblicherweise bis zu 2 Stunden.

Egal was ich tu, auch wenn ich 8 Stunden im Bett bin – ich bin erst ab Nachmittag in der Lage voll auf meine Aktivität zuzugreifen – da sind andere schon wieder müde. Bis dahin hätte ich gerne meine Ruhe und Stille.

Das da natürlich eine Diskrepanz zwischen Alltag der Gesellschaft und meinem natürlichen Rhythmus besteht ist klar. Dem kann kein Morgenmuffel entkommen.

Ich habe mich jahrelang dafür geschämt, das wurde früher auch gerne von außen forciert. Das habe ich Eingangs ja erwähnt. Es ist nicht einfach, wenn man kaum anders kann, und dafür auch noch gescholten und verurteilt wird. Das zu lernen war vor allem als Jugendlicher sehr schwer.

Man muss noch unterscheiden zwischen tatsächlichem Morgenmuffel und Depression. Ein Depressiver Mensch hat andere Gründe um nicht aus dem Bett zu wollen. Ein Morgenmuffel kann nicht anders. Jedoch ist fortgesetzte Scham und Schelte auch gut geeignet um einen Morgenmuffel deswegen noch depressiv zu machen.
Und dann fallen beide Dinge zusammen – Chaos und noch mehr Scham ist die Folge.

Ich möchte speziell Eltern in Erinnerung rufen, das ihre Kinder nicht dazu da sind, so zu sein wie man sie haben will – sondern Eltern dazu da sind, dem Kind zu ermöglichen, sein eigenes Sein und Ich zu finden. Selbst wenn es ein muffeliger Grummler am Morgen sein sollte.
Denn auch brummige Bären wollen geliebt sein!

Ach ja und wegen der Organisation für die Rechte der Morgenmuffel schlage ich den Namen MALVE vor. M.A.L.V.E. Morgenmuffel aller Länder vereinigt euch. Flaggenfarben könnten mehrere Streifen von Grau sein, einer dunkler als der andere. Nehmen wir uns ein Beispiel an LBGTQI – die haben so vieles erreicht in den letzten Jahren für ihre Pappenheimer. Lasst uns schnarchend und ruhend protestieren – bis man uns liebhat.

MALVE – ich war auch schon mal witziger – hm.

Quellen:

Welt der Wunder – Morgenmuffel: https://www.youtube.com/watch?v=Nnpx6Q4wW-Q
Bluepartner – Tipps für Morgenmuffel https://bluepartner.de/blog/morgenmuffel-von-lerchen-und-eulen/
Schriftsteller gesucht: https://www.der-schalltrichter.at/schriftsteller-gesucht/

Hallo ihr Lieben! Ich bin Thomas Speck, ein jung gebliebener Jutebeutel, Podcaster und Österreicher, in der Reihenfolge. Eigentlich handzahm, bekannt für meinen Sarkasmus - manche nennen mich gar zynisch - und für meine beißende Satire. Jedenfalls schlagfertig, möchte ich meinen! Ich kann auch freundlich und nett, aber Blatt vorm Mund mag ich nicht. Die Wahrheit die ich sage, ist immer meine Wahrheit, ich behaupte nicht - und das erwarte ich auch nicht - damit Recht zu haben. Aber, ich fordere Dich heraus: Schreib mir auf Social Media oder hier in den Kommentaren und Überzeuge mich!

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Ich hasse den Spruch: Steht auf, die Sonne scheint!
Und? Was soll ich denn machen mit dem Licht – Photosynthese?
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Nein, ich saufe nicht. Ich bin ein Morgenmuffel.
Ich finde ja, das auch wir Morgenmuffel eine Organisation haben sollten, die sich um die vollständige Integration und Toleranz unsereins in der Gesellschaft kümmert. Einen Pride-Monat für Morgenmuffel, hunderte Demonstranten mit Polstern im Gesicht die torklend durch die Straßen ziehen und – nein – keinen Radau machen, das ist, was wir am wenigsten leiden können beim wachwerden. Stille. Stell Dir einen absolut Stillen Platz vor, 100e Menschen, die gegen die Diskriminierung unsereins schweigend protestieren und jeder, der vorbeikommt, ist solidarisch mit uns still …!

Welt der Wunder – Morgenmuffel: https://www.youtube.com/watch?v=Nnpx6Q4wW-Q
Bluepartner – Tipps für Morgenmuffel https://bluepartner.de/blog/morgenmuffel-von-lerchen-und-eulen/

Schriftsteller gesucht: https://www.der-schalltrichter.at/schriftsteller-gesucht/

Hallo ihr Lieben! Ich bin Thomas Speck, ein jung gebliebener Jutebeutel, Podcaster und Österreicher, in der Reihenfolge. Eigentlich handzahm, bekannt für meinen Sarkasmus - manche nennen mich gar zynisch - und für meine beißende Satire. Jedenfalls schlagfertig, möchte ich meinen! Ich kann auch freundlich und nett, aber Blatt vorm Mund mag ich nicht. Die Wahrheit die ich sage, ist immer meine Wahrheit, ich behaupte nicht - und das erwarte ich auch nicht - damit Recht zu haben. Aber, ich fordere Dich heraus: Schreib mir auf Social Media oder hier in den Kommentaren und Überzeuge mich!

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