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Kurze Geschichte – Verbannung

15. Oktober 2021

Bitte Teilen, vielen Dank!

von Marianne Labisch

Marianne Labisch erblickte 1959 als Sonntagskind in München das Licht der Welt und wuchs in NRW, mitten im Ruhrpott, auf.

Als sie im Vorschulalter von grünen Zwergen auf der anderen Straßenseite berichtete, kam die Mutter zum Schluss: Zu viel Fantasie.

Marianne fuhr fort, im Abstellraum Raketen zu bauen, mit denen sie zum Mond reisen wollte und glaubte daran, dass man mit Regenschirmen fliegen kann. Später entdeckte sie Stephen King und wollte ihm nacheifern. Ein feiner Humor, der sich gerne überall ungefragt breitmachte, verhinderte, dass sie im Horror Bereich Fuß fasste, daher widmet sie sich inzwischen überwiegend der Science-Fiction und der Fantasy.

Seit 2010 werden ihre Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. 2015 wurde »Revenge«, die erste Kurzgeschichte, die sie unter dem Pseudonym Diane Dirt schrieb, für den Deutschen Science-Fiction-Preis nominiert.

Außerdem ist sie seit 2015 als Lektorin, Herausgeberin und Illustratorin tätig. Marianne Labisch ist Mitglied der Autorengruppe Phantastischer Oberrhein und bereitet derzeit ein Magazin für den Wurdack Verlag vor, das sie gemeinsam mit Gerd Scherm im Winter herausgeben wird. Sie lebt mit ihrem Mann in Baden-Württemberg.

Die vorliegende Geschichte“ Verbannung“ ist ursprünglich im Juni 2020 in der Anthologie „Nummern“ bei p.machinery erschienen.
Und nun, viel Vergnügen.

Verbannung

Letzte Nacht träumte ich, intelligente Pflanzen wollten sich mit mir paaren, um die Erde mit einer ganz neuen Spezies zu bevölkern. Es handelte sich um bizarre Wesen, die sich schneller vermehrten als Bakterien unter besten Bedingungen.

Obwohl ich selbstverständlich weiß, dass die Erde verwaist und unbewohnbar ist, erfüllte mich dieser Traum mit Stolz. Diese Wesen hatten mich, 2020, eine Vierstellige ausgewählt. Ein Mitglied des Putzdienstes. Jemanden, der vollkommen unbedeutend ist.

Ich werde den Traum schön für mich behalten, um nicht als verrückt zu gelten. Meine Kollegen in der Schicht würden es sowieso nicht verstehen. Die haben aufgehört zu denken. Dafür sorgen die Pillen. Wir müssen morgens und abends eine nehmen, das ist Pflicht. Vor circa drei Wochen habe ich versehentlich eine vergessen und fühlte mich gleich lebendiger. Deshalb habe ich die Abendtablette auch weggelassen und bin dann dabei geblieben. Die Tabletten lassen mich wie auf rosa Zuckerwatte durchs Leben schweben. Wenn ich sie nehme, bin ich nicht sonderlich interessiert, aber ich mache mir auch keine Sorgen. Ich schätze, man gibt uns die Dinger, damit wir unser Los ruhig ertragen und uns nicht beschweren. Immerhin ist es doch eine recht stumpfsinnige Arbeit, die wir jeden Tag verrichten müssen.
Aber seit ich meinen Kopf wieder gebrauchen kann, frage ich mich, ob das alles rechtens ist. Haben wir keinen freien Willen mehr? Dürfen wir so ohne Weiteres ruhiggestellt werden? Oder wurden wir irgendwann einmal gefragt und haben dem vielleicht sogar zugestimmt?

Manchmal, wenn diese Fragen in meinem Kopf rotieren und gar nicht mehr verschwinden wollen, denke ich darüber nach, ob ich nicht wesentlich intensiver nachforschen sollte. Ab und an macht sich eine leise Ahnung von Empörung breit, aber ich versuche, die zu unterdrücken. Meistens siegt mein sonniges Gemüt und ich freue mich einfach an der neu gewonnenen Lebensqualität, kann mich an den Sternenkonstellationen freuen, wenn ich an den Luken vorbeikomme und wache fast immer mit guter Laune auf, die selbst mein Dienst mir nicht madig macht.

Ich weiß nicht, ob die drei- und zweistelligen auch Pillen einnehmen müssen und wenn, ob es vielleicht eine andere Sorte ist. Denn auch unter den Dreistelligen habe ich noch nie einen lachen sehen. Was soll nur der Vorteil sein, wenn alle Gefühle ausgeblendet werden?
Ach, es soll mir doch egal sein. Wenn ich nicht aufpasse, falle ich womöglich mit meinen Grübeleien noch auf.
Das möchte ich lieber nicht, denn wer auffällt, verschwindet über kurz oder lang auf nimmer Wiedersehen. Habe ich schon ein paar Mal festgestellt.

Seltsam, dass ich mich nie, nicht ein einziges Mal, gefragt habe, wohin die Leute verschwinden. Ob das Gerücht von den Strafkolonien stimmt, das sich manche hinter vorgehaltener Hand erzählen? Hört sich nicht sehr plausibel an. Gäbe es Kolonien, würden wir sicher nicht immer weiter durchs All gleiten, sondern hätten uns längst dort niedergelassen. Wahrscheinlicher ist wohl, dass diese Personen eliminiert werden. Widerworte, Unangepasstheit oder gar Rebellion werden nicht geduldet.

Es ist Zeit, sich an die Arbeit zu machen. Wenn ich unpünktlich bin oder gar nicht erscheine, hat auch das unangenehme Folgen. Zuerst streichen sie einem das Essen, dann sperren sie einen ein und zuletzt verschwindet man. Es muss also schon ein paar Leute gegeben haben, die mit unserem täglichen Einerlei gebrochen haben. Ob die auch ihre Tabletten abgesetzt hatten?
Da mir mein Leben ohne Pillen plötzlich lieb ist, will ich das alles nicht riskieren.

Die Art, wie ich gehe, halb stampfend, halb schlurfend, ergibt einen lustigen Rhythmus, der mich an ein altes Lied erinnert. Wie hieß das noch? Es war eine Bigband und der Song hatte was mit einer Eisenbahn zu tun. Wiehuh-wieee. Ja, Chattanooga Choo Choo! Das war’s. »Pardon me boy, is this the Cattanooga Choo choo?« Leise pfeife ich den Gute-Laune-Song vor mich hin.

Mist, 300 hat mich ertappt. Er sah aus als würden ihm die Augen gleich aus dem Kopf fallen. Zwar versucht er, mir vorzumachen, er hätte nichts bemerkt, aber mich täuscht er nicht. So schnell, wie der verduftet ist, geht er garantiert petzten. Dabei war er selbst unpünktlich! Das hätte ihm Negativkarma eingebracht. Wenn er etwas zu berichten hat, wenn er mich an den Pranger stellt, bekommt er womöglich Pluspunkte. So ein Dreck. Ich hätte darauf achten sollen.
Ich muss mich darauf einstellen vor einen ein- oder zweistelligen zitiert zu werden. Was soll ich nur sagen? Ich habe den Befehl, meine Tabletten einzunehmen, ignoriert. Vielleicht kann ich so tun, als sei es ein einmaliges Versehen gewesen? Einen Versuch ist es wert.
Auf die Arbeit kann ich mich kaum konzentrieren, sammle die Wäsche, die 300 auf den Boden geworfen hat, ein und stopfe sie in den Schacht, der sie in die Reinigung befördert, mache sein Bett und will gerade ins Bad, als 300 zurückkehrt.
»Du sollst dich sofort bei Zwanzig melden«, sagt er und sieht mich von oben herab an. Ohne eine weitere Erklärung zu geben, weist er mir die Richtung und macht sich in eine andere davon.

Am liebsten würde ich mich unsichtbar machen. Jetzt ist mir doch ganz schön mulmig. Ich will nicht verstoßen werden. Obwohl das einer Hinrichtung natürlich vorzuziehen wäre. Meine Beine fühlen sich an wie aus Gummi, mein Herz rast und der Schweiß steht mir auf der Stirn. Echt toll, das wird ja gleich einen guten Eindruck machen. Außerdem weiß ich nicht mehr, wie man sich Zweistelligen gegenüber benehmen muss. Darf ich ihn direkt ansehen? Mist, die Einweisungen sind soo lange her.
Vielleicht sollte ich mich einfach verstecken?
Ja, klar, ich kann mich im Frachtraum verstecken und dort verdursten. Echt ne tolle Alternative.
Zweiundzwanzig, Einundzwanzig, Zwanzig. Bevor ich den Sensor berühre, gleitet die Tür in die Wand. Vorsichtig betrete ich die Kabine und schaue mich um. Da sitzt einer in einer weißen Uniform. Schnell senke ich den Blick und sage: »Ihr habt nach mir geschickt?«
»Hast du heute deine Tabletten genommen?«
Ertappt, verdammt! Und nun? Leugnen bringt nichts, ich hab die doofen Pillen ja aufgehoben. Wenn sie meine Unterkunft durchsuchen, werden sie die finden. Ich spüre, wie die Röte meinen Kopf verfärbt.
»Ich glaube, die habe ich heute vergessen. Bitte vergebt mir. Es kommt gewiss nicht wieder vor«, bringe ich kleinlaut hervor.
»Du kennst die Richtlinien, wie kann es da passieren, dass du etwas so Wichtiges vergisst?«
Was soll ich darauf antworten? Der Schweiß strömt mir aus allen Poren und mein Kopf droht zu zerspringen. Wenn ich nur wüsste, was mir helfen könnte, meine Haut zu retten. Ein falsches Wort und …
»Wenn du mir die Wahrheit sagst, könnte ich mich für dich verwenden.«
Kann ich es wagen? Darf ich ihm trauen oder will er nur meine Zunge lösen? »Ihr meint, man würde vielleicht Gnade vor Recht ergehen lassen?«, frage ich mit einem Hauch von Hoffnung und schaue auf, ohne ihn direkt anzusehen.
»Es gibt Fälle, in denen genau das passiert. Hast du nie davon gehört?«
Was sagt er da? Begnadigungen? Davon habe ich in meinem ganzen Leben noch nichts gehört. Ob er die Wahrheit spricht?
»Nein, Sire, es tut mir leid, aber so etwas ist mir nie zu Ohren gekommen.«
Zwanzig macht eine wegwerfende Handbewegung. »Nun dann bleibt dir nichts anderes übrig, als dich auf mein Wort zu verlassen. Warum hast du deine Medizin nicht genommen?«
»Ich …«
Aufmunternd blickt er mich an.
Ich starte einen neuen Versuch: »Also … ich …«
Verdammt! Es ist vertrackt, noch mal. »Ich hatte einen schönen Traum, deshalb war ich so gut gelaunt, dass ich es vergaß.«

Zwanzig drückt auf einen Knopf und sieht aus, als hätte ich exakt das Falsche geantwortet. Sekunden später betritt ein Dreistelliger den Raum und wartet auf Anweisung.
»527 geh in die Kabine von Zweitausendzwanzig und sieh nach, wie viele Tabletten sie nicht genommen hat. Ich erwarte dich danach sofort wieder hier«, befiehlt er.
»Hättest du deine Tablette gestern genommen, würdest du nicht träumen. Es war also kein einmaliges Versehen, wie du mir weiß machen wolltest, sondern ein eigenmächtiges Handeln über einen längeren Zeitraum. Hinzu kommt, dass du mich angelogen hast.«
Jetzt nur nicht heulen, davon wird es nicht besser, aber die Tränen drücken schon ganz schön. Ich will nicht wie ein Schwächling wirken.

527 kehrt zurück in den Raum, bleibt vor zwanzig stehen und öffnet beide Fäuste. Eine große Anzahl Tabletten befindet sich darin.
»Hast du sie gezählt?«, fragt zwanzig.
»Es sind einundzwanzig Stück.«
»Bringe sie zur Ausgabestation.«
Nachdem 527 den Raum verlassen hat, wendet Zwanzig sich mir zu und fragt: »Propst du hier den Aufstand? Was denkst du dir? Elf Tage lang hast du dich den Anweisungen widersetzt. Ich verlange eine Erklärung.«
Also gut! Er will es nicht anders, wenn schon die Wahrheit, dann die ganze: »Ohne die Medikamente geht es mir viel besser. Ich träume, habe gute Laune, meine Sinne sind ausgeprägter. Ich verstehe nicht, warum ihr uns zwingt, uns zu betäuben.«
»Du musst es nicht verstehen, sondern einfach gehorchen. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder tut, was er will? Bist du alleine oder gibt es noch mehr Renitente?«
»Ich weiß nicht, was die anderen tun. Über meine Weigerung die Tabletten einzunehmen, habe mit niemandem gesprochen.«
»Du wartest hier, bis du gerufen wirst«, befiehlt Zwanzig, schwingt sich aus seinem Sessel und geht betont langsam aus der Kabine. Zweistellige bewegten sich nur noch selten, deshalb fällt es ihnen sichtbar schwer.

Der lässt mich hier alleine stehen und ich kann mir ausmalen, was mir blüht. Ver-bann-ung! Man wird mich einfach aussetzen. Wenn ich Glück habe, treffe ich auf weitere Verbannte. Glück? Wer weiß, ob das nicht Mörder sind?
Ach, eigentlich glaube ich das Märchen mit der Verbannung nicht. Sie werden mich töten. Hätte ich doch nur nie vergessen, diese elenden Tabletten einzunehmen und gar nicht erst das Freiheitsgefühl gekostet.

Die Tür öffnete sich, zwanzig kehrt zurück und schickt mich weiter zu neun. Dort wiederholt sich die Befragung, aber auch hier kann ich nichts anderes sagen, als bei zwanzig. Wie oft wollen sie mich noch alles wiederholen lassen?
»Geh und erzähle deine Geschichte unserem Kapitän«, verlangt er. Offensichtlich fürchten sie, dass ich flüchte, denn neun lässt mich von zwei Dreistelligen eskortieren.

Von neun werde ich zu Eins, dem Kapitän, geschickt, dem ich nie zuvor begegnet bin. Ich, eine Vierstellige, werde dem obersten Befehlshaber gegenüberstehen. Wahrscheinlich nur kurz denn er wird sicher nur das Urteil verkünden.
Die Türen zum Reich des Mächtigsten öffnen sich automatisch, sobald ich davor stehe. Die Räume hinter der Tür liegen im Dämmerlicht. Ich kneife die Augen zusammen, um überhaupt etwas zu erkennen. An einer Wand blinken unterschiedlich farbige Dioden, an einer anderen zucken diverse Bildschirme bläulich. Von diesem Raum, höchstwahrscheinlich die Kommandozentrale, gehen mehrere Flure ab. Wo diese hinführen, kann ich nicht erkennen.

Etwas atmet hier, aber das klingt nicht nach einem Menschen, sondern viel mehr nach einer Maschine.
Bin ich hier wirklich am richtigen Ort?
»Komm zu mir. Ich will dich sehen«, befiehlt eine Stimme, die sich unendlich alt anhört.
Obwohl ich eben noch sehr gespannt war, unseren Kapitän zu sehen, fürchte ich mich jetzt. Ein Ding, das so atmet, kann kein Mensch sein, und wenn wir wirklich von einer Maschine geleitet werden … Nein, das mag ich mir nicht vorstellen.
Der Klang der Stimme reicht aus, mir eine Ganzkörpergänsehaut zu verschaffen. Trotzdem folge ich dem Befehl und gehe weiter nach vorne.

In einem Kasten liegt ein Kopf. Ein einzelner Kopf, ohne Körper und ohne Haare. Er sieht aus wie eine runzelige Frucht.
Der Kasten versorgt den Kopf mit Sauerstoff. Er bewegt sich ganz so, als säße er immer noch auf einem Hals, aber unterhalb des durchsichtigen Kastens, arbeiteten weitere Maschinen, die ihn mit Nährstoffen versorgen. Kleine wache Augen mustern mich.
»Tut das weh, so ohne Körper?«, frage ich und bemühe mich, mein Mitgefühl nicht in den Vordergrund treten zu lassen.
Der Kopf verzieht seine schmalen Lippen zu einem kleinen Lächeln. »Hat dich niemand gelehrt, erst zu sprechen, wenn du von einem höheren Wesen dazu aufgefordert wurdest?«
»Bitte entschuldigt. Ich vergaß meinen Manieren, aber nur, weil ich noch nie einen Kopf ohne Körper gesehen habe.«
»Schon gut. Nein, es tut nicht weh. Jetzt nicht mehr.« Hier macht er eine kleine Pause, scheint seine Gedanken zu sammeln und fährt fort: »Du kannst pfeifen?«
Ich nicke. Ja, ich habe mich eines Vergehens schuldig gemacht, unsinnig, es zu leugnen.
»Lass mal hören!«
?? Was sagt er da? Er will es hören? Oder ist das wieder so ein dummer Test? Besser ich frage nach: »Wie bitte?«
»Ich will hören, wie du pfeifst.«
»Ist das Euer ernst?«
»Ja, nun mach schon.«
Ich habe eh nichts mehr zu verlieren, also kann ich ihm den Gefallen tun. Ich spitze die Lippen und pfeife eine kleine Melodie. Der Kopf sieht mit einem Mal nicht mehr ganz so runzelig aus. Bilde ich mir das nur ein oder spielt da ein Lächeln um seinen Mund und die Augen?
»Wie ein kleiner Vogel. Wunderhübsch machst du das.« Er scheint den Tönen nachzulauschen und sieht nicht aus, als wäre er verärgert.

Aber mir geht ganz etwas anderes im Sinn herum und ich stelle eine weitere Frage: »Was ist ein Vogel?«
»Das waren Tiere, die fliegen konnten, es gab sie von Handklein, bis Menschengroß. Sie besaßen einen spitzen Schnabel, mit dem sie Futter aufnahmen und sangen. Vogelgesang hörte sich fast so an, wie dein Pfeifen. Ich habe es ewig nicht mehr gehört.«
»Wenn es Euch gefällt, warum ist es dann verboten?«
Nun verziehen sich die Runzeln zu einem Grinsen, welches den gesamten Kopf umfasst.
»Es steht nirgendwo geschrieben, dass pfeifen verboten ist. Allerdings denkt niemand daran, solange er seine Medizin nimmt. Und das bringt uns zu deinem Problem, nicht wahr?«
Ich betrachte meine Schuhspitzen und wippe leicht auf und ab, fühle mich wie unter Arrest.
Der Kapitän spricht die gefürchteten Worte nicht.

Verwundert blicke ich ihn an, sehe ihm direkt in die Augen. Ein Strudel erfasst mich und lässt mich taumeln.
Ich habe keine Ahnung, wie er das bewerkstelligt hat, aber bevor ich auf dem Boden aufschlage, schiebt sich eine Liege zwischen mich und Boden und fängt mich auf. Meine Muskeln fühlen sich an, wie Pudding.
Ich bin völlig kraftlos. Mein Kopf scheint vor Licht und Farbe explodieren zu wollen.
Ganz langsam tauchen Bilder auf. Ich sehe grüne Landschaften, nein, viel mehr, spüre warme Luft auf der Haut, merke, wie mein Haar zerzaust wird, und rieche etwas Süßes. Aber diese Süße kommt aus keiner Aromadose. Sie duftet viel intensiver, aber mit kleinen Nuancen, die ahnen lassen, wie diese Süße riechen wird, wenn sie überreif ist. Trotzdem ist das alles das Aufregendste, was ich je empfunden habe. Ich berühre eines dieser grünen Blätter. Seine Oberfläche fühlt sich an wie Samt. Tau benetzt meine Hand. Fasziniert hebe ich einen Finger an den Mund und schmecke die Reinheit des Wassers. Es ist frei vom jeglichem Chemiezusatz. Warme Strahlen dringen durch das Blätterdach und ich denke: Laserstrahlen, die mich pulverisieren. Erstaunt spüre ich einen Strahl, der pures Verzücken auslöst. Wohlige Wärme macht sich in mir breit. Sollte dies ein Traum sein, möchte ich nie wieder aufwachen.

»Nein, mein Kind, es ist kein Traum. Dies ist der Ort der Verbannung. Dort wirst du deine Zukunft verbringen. Ich wollte dir die Angst nehmen. Aber es ist nicht nur so schön, es gibt auch Gefahren, die du nicht unterschätzen darfst. Bevor du dich Menschen oder Tieren näherst, beobachte sie eine Weile. Es gibt wilde Horden, die mordend durchs Land streifen, ebenso wie Sesshafte. Du wirst deinen Platz unter ihnen finden, da bin ich mir sicher. Ich vermute sogar, dass du sie nach einer gewissen Zeit führen wirst. Aber übereile nichts. Suche Rat bei den Weisen und bedenke die Konsequenzen jedes Handelns.«

Ich weiß nicht, was ich sagen soll, so durcheinander bin ich. Mir gehen so viele Fragen im Kopf herum. Warum fahren wir in Raumschiffen durch die Gegend, wenn es solche Orte gibt? Warum leben wir in einer künstlichen Atmosphäre, essen Nahrungsersatz, trinken chemisches Wasser, begnügen uns mit künstlichen Aromen, wenn all dies reiner und ursprünglicher zu bekommen ist? Warum lassen wir uns nicht einfach dort nieder und beenden die Suche?
»Wir fürchten uns vor dem, was wir anrichten. Aber es ist zu früh für dich, das zu verstehen.«
Er kann meine Gedanken lesen! Wie meint er das? Das kann doch nicht wahr sein. Wir reisen ewig durchs All, um Planeten zu finden, auf denen wir sesshaft werden können und dann setzen wir nur ein paar von uns aus und der Rest düst weiter? Zu früh, es zu verstehen? Ist denn so etwas überhaupt je zu verstehen?

»Doch irgendwann wirst du es verstehen. Wir sind Zerstörer. Früher oder später würden wir auch diese Idylle zerschunden verlassen. Wir tun es immer wieder. Aber je weniger von uns den Planeten bevölkern, desto länger dauert es.«
Nein, das kann ich nicht glauben.
»Aber es heißt, wir sind vernunftbegabte Wesen. Warum tun wir so dumme Sachen?«
»Ich glaube, es liegt in unserer Natur. Wir wollen immer mehr für weniger Aufwand. Wir sind Erfinder und können nicht abschätzen, was für Folgen unsere Errungenschaften mit sich bringen.«
Hm, wenn er das sagt, wird es wohl so sein. Dieses warme Licht auf der Haut, das war toll.
»Gib nur acht, dass du nicht zu lange darin badest, es verbrennt die Haut. Du musst dich langsam daran gewöhnen.«
»Fällt es dir nicht schwer, von dieser Welt zu wissen und doch hier zu bleiben?«

Zu spät merke ich, wie unverschämt ich ihn angesprochen habe. Es geschah, weil ich mich ihm verbunden fühle, nicht aus Missachtung seiner Person und Autorität.
»Ich fühle mich dir auch verbunden. Ja, an manchen Tagen wäre ich gerne dort unten, aber ich trage die Verantwortung für alle Menschen an Bord. Ich kann sie nicht schutzlos sich selbst überlassen.«
Nun tut er mir leid, ich schätze, es würde großen Spaß machen, wenn wir beide zusammen diese herrliche neue Welt erkunden dürften.
»Sei nicht traurig. Ich bin hier genau am rechten Ort.«

Langsam dämmert mir, warum wir die Tabletten nehmen müssen.
»Ihr stellt uns ruhig, damit wir nicht aufbegehren und euch zur Landung zwingen? Ist das nicht ein wenig vermessen? Wer sagt denn, dass ihr am besten wisst, was gut für alle ist?«
»Ach Kindchen, du bist zu jung, um wissen zu können, was wir schon alles ausprobiert haben. So wie es jetzt ist, gibt es die wenigsten Probleme. Bei Aufständen hatten wir immer Opfer zu beklagen, und zwar in weit höherer Zahl. Aber wer weiß, vielleicht überlassen wir eines Tags den Vierstelligen das Kommando und schauen, was dabei herauskommt? Ausschließen will ich das nicht.«
»Vielleicht ist das gar keine so dumme Idee, aber dann solltet ihr die Pillen vorher absetzen.«
»Mach dich bereit, wir sind gleich da. Geh hinaus und lerne.«

Prompt öffnet sich eine Pforte in diese neue, unbekannte Welt. Mir ist ein wenig mulmig zumute. Ich muss alles hinter mir lassen. Meine drei Rationen täglich, meine gemütliche Koje, alle Menschen, die ich kenne. Ob dieser Planet immer freundlich sein wird, ob er mich mit Nahrung versorgen wird, ob ich ein Dach über dem Kopf haben werde, all das ist ungewiss, aber ich freue mich trotzdem. Auf das Grün, das Wasser und ganz besonders auf das warme Licht.

»Komm mich mal besuchen«, sage ich zum Kapitän, spitze die Lippen und gehe pfeifend von Bord.

Coverbild: Music, Marianne Labisch 2020

Informationen zu Marianne Labisch und ihrer Arbeit unter: mluniverse.wordpress.com
Schriftsteller gesucht: https://www.der-schalltrichter.at/schriftsteller-gesucht/

Hallo ihr Lieben! Ich bin Thomas Speck, ein jung gebliebener Jutebeutel, Podcaster und Österreicher, in der Reihenfolge. Eigentlich handzahm, bekannt für meinen Sarkasmus - manche nennen mich gar zynisch - und für meine beißende Satire. Jedenfalls schlagfertig, möchte ich meinen! Ich kann auch freundlich und nett, aber Blatt vorm Mund mag ich nicht. Die Wahrheit die ich sage, ist immer meine Wahrheit, ich behaupte nicht - und das erwarte ich auch nicht - damit Recht zu haben. Aber, ich fordere Dich heraus: Schreib mir auf Facebook, Instagram oder hier in den Kommentaren und Überzeuge mich!

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Marianne Labisch erblickte 1959 als Sonntagskind in München das Licht der Welt und wuchs in NRW, mitten im Ruhrpott, auf.

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Marianne fuhr fort, im Abstellraum Raketen zu bauen, mit denen sie zum Mond reisen wollte und glaubte daran, dass man mit Regenschirmen fliegen kann. Später entdeckte sie Stephen King und wollte ihm nacheifern. Ein feiner Humor, der sich gerne überall ungefragt breitmachte, verhinderte, dass sie im Horror Bereich Fuß fasste, daher widmet sie sich inzwischen überwiegend der Science-Fiction und der Fantasy.

Seit 2010 werden ihre Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. 2015 wurde »Revenge«, die erste Kurzgeschichte, die sie unter dem Pseudonym Diane Dirt schrieb, für den Deutschen Science-Fiction-Preis nominiert.

Außerdem ist sie seit 2015 als Lektorin, Herausgeberin und Illustratorin tätig. Marianne Labisch ist Mitglied der Autorengruppe Phantastischer Oberrhein und bereitet derzeit ein Magazin für den Wurdack Verlag vor, das sie gemeinsam mit Gerd Scherm im Winter herausgeben wird. Sie lebt mit ihrem Mann in Baden-Württemberg.

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Viel Spaß! Euer Thomas
Meine Website: https://www.der-schalltrichter.at

Coverbild: Music, Marianne Labisch 2020
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