Autor:
Thomas Speck
Veröffentlicht am:
5. Dezember 2024

Demokratie – Die Kunst ohne Kurs zu paddeln

Eine satirische Illustration zeigt ein rostiges, improvisiertes Floß, das auf einem offenen Meer ziellos treibt. An Bord paddeln Bürger hoffnungsvoll in Richtung einer fernen, träumerischen Küste. In der Mitte des Floßes befindet sich eine kleine, vernachlässigte Kombüse, in der ein Koch in abgenutzter Kleidung stolz einen großen Topf unappetitlicher Suppe umrührt. Der Koch wirkt leicht verschmitzt, als wolle er das Floß bewusst von der Küste fernhalten. Um die Szene herum sind verblasste Parteibanner zu sehen. Das Bild ist humorvoll, karikaturistisch und satirisch gestaltet.

Heute nimmt Thomas Speck uns mit auf eine Reise durch die süffige Kantine der Demokratie: Die Wahl ist da, und unser Bürger wankt zwischen Suppe und Eintopf, während ihm mit epischen Versprechen von kulinarischen Revolutionen die Entscheidung schmackhaft gemacht wird. Frische Zutaten? Ein neu erfundener Geschmack? Wohl eher ein Hauch von Pfeffer im immergleichen Sud der Demokratie!

Die Demokratie – sie ist das stolze Schiff der Freiheit, das auf den Ozeanen der Möglichkeiten segelt. Oder eher, das schicksalsergebene Floß, das sich irgendwo zwischen Steuererhöhungen, populistischen Reden und Wahlversprechen verheddert und regelmäßig von Haien umzingelt wird. Doch keine Sorge, auf diesem Floß hat jeder von uns ein Paddel – theoretisch zumindest.

In der Theorie klingt Demokratie wunderbar: Jeder hat eine Stimme, und diese eine Stimme kann Berge versetzen, Systeme verändern, das Schicksal lenken! Aber in der Realität? Nun ja, die Realität ist da… etwas kreativer.

Man stelle sich vor: Es ist Wahltag, und da steht der brave Bürger vor der Wahlurne wie vor dem Angebot einer Kantine mit genau zwei Gerichten – es gibt Eintopf oder Suppe. Und obendrauf hat die Küche den Chefkoch gewechselt, doch das Menü bleibt seit Jahren unverändert. „Wählen Sie! Eintopf oder Suppe? Oder – und das ist der Clou – Suppe oder Eintopf?“ Wenn man dann die Wahlentscheidung treffen muss, fängt man an, ganz wehmütig an die Pizza zu denken, die es im Traum der Demokratie geben sollte.

Der Bürger also, die Wahlkarte in der Hand, schreitet zur Urne – flankiert von Parteivertretern, die an der Küchenfront eifrig ihre neuen Gerichte anpreisen. Die Werbetafeln sind vollgekleistert mit Slogans wie „Revolutionärer Geschmack!“ und „Das ist mehr als nur Suppe!“ Da werden neue Zutaten angepriesen, von der „raffinierten Kräuternote“ bis zum „Frische-Upgrade“. In der Küche, die stolz hinter Glas präsentiert wird, brodelt es mysteriös – bis man näher hinschaut und erkennt, dass die alten Suppentöpfe einfach ein wenig weiter nach hinten geschoben wurden. Tatsächlich ist die „geheime Spezialzutat“, die der Küchenchef exklusiv enthüllt, nichts weiter als eine Prise Pfeffer.

Doch das hält die Wähler nicht davon ab, optimistisch zur Wahl zu gehen, manche sogar mit selbst mitgebrachten Löffeln und Gewürzen, als könnten sie das Gericht am Ende noch auf eigene Faust aufpeppen. Da steht dann einer mit seinem kleinen Salzstreuer bereit, ein anderer zieht eine Prise getrocknete Chili aus der Tasche und murmelt: „Vielleicht gibt’s heute ein bisschen mehr Würze.“ Aber die Wahlhelfer lächeln nur milde: „Heute bleibt die Suppe traditionell. Doch beim nächsten Wahlgang – versprochen – da wird es anders schmecken.“

Die Demokraten sagen, das Wunderbare sei: Jeder kann Koch werden! Nur müsste man dafür erst einen endlosen Parcours aus Fraktionen, Fördervereinen, Parteitagen und ein Netz aus „Freunden“ überstehen. Ganz zu schweigen davon, dass einem der ein oder andere Parteihaifisch das Kochmesser in den Rücken rammt, bevor man den Löffel in den Kochtopf tauchen kann.

Wie wahr – der steinige Weg zum „Koch“ ist gepflastert mit dem Elan jener, die einst von Gourmet-Menüs und revolutionären Rezepturen träumten. Sie treten an, enthusiastisch, mit einer sprudelnden Suppe an Ideen und einem Rezeptbuch voller Innovationen, das sie stolz zur Schau stellen. Doch schon beim ersten Parteitag wird der Traum ein wenig angebrannt: „Also, wir arbeiten hier nur mit einheimischen Zutaten. Setz das Exotische mal lieber auf die Warteliste.“

Also schluckt der angehende Chefkoch die bittere Pille und wirft die exotischen Gewürze über Bord. Im nächsten Kreis der Höllen-Küche wird ihm freundlich bedeutet, dass in der Suppe nur 10% Experiment erlaubt sind, der Rest sei „fest in der Tradition verankert.“ Es folgt eine Lektion in der Kunst der Seilschaften: „Ja, und für den Suppentopf wird traditionell nur jene Karotte gehackt, die vom Fraktionschef persönlich abgesegnet wurde.“

Und da steht er nun, unser einst so feuriger Jungkoch, mittendrin in einem Kurs namens „Grundlagen der Einheitsküche: Teil 17.“ Statt Rote-Bete-Schaum auf Trüffel lernt er nun, wie man Wasser aufsetzt und eine ordentliche Prise Parteidisziplin hinzufügt. Er bekommt ein Zertifikat im „diskreten Sprudelverfahren“ und darf die feine Balance zwischen „nichtssagend“ und „politisch korrekt“ meistern.

Am Ende, nach Jahren der Ausbildung und zahllosen, nervenaufreibenden Wahlkämpfen, ist die große Stunde gekommen: Unser Koch darf tatsächlich den Löffel schwingen – für Eintopf oder Suppe, versteht sich. Voller Stolz rührt er also… und merkt langsam, dass der Unterschied zwischen Suppe und Eintopf eigentlich nur darin besteht, ob die Kartoffel einmal durchgerührt wird oder nicht.

Die profane Realität hat sich wie ein fades Kräuterbouquet in den Topf geschlichen, und der einstige Traum von Nouvelle Cuisine hat sich in grauen Einheitsbrei verwandelt. Und als er in die fragenden Augen der Mitbürger blickt, bleibt ihm nur ein entschuldigendes Schulterzucken: „Das Menü bleibt vorerst unverändert – aber die nächste Wahl bringt bestimmt den Supereintopf.“

Während sich der Koch also durch die Mühlen der Parteiküche kämpft, steht der Bürger selbst in einer langen Reihe vor einem endlosen Buffet. Er schiebt sein Tablett geduldig an den Suppentöpfen vorbei und seufzt innerlich, während er versucht, sich zum hundertsten Mal für Suppe oder Eintopf zu begeistern. Manchmal blitzt ein verschämt hungriger Blick zu den Wurstwaren oder einer dampfenden Lasagne am anderen Ende der Kantine – aber natürlich bleibt es dabei, dass der Bürger wählen muss, was im Menü vorgegeben ist.

Nach jedem Löffel Suppe (oder Eintopf) wird er artig gebeten, einen Fragebogen auszufüllen: „Wie war die Konsistenz?“ „War die Temperatur angenehm?“ und natürlich die obligatorische Frage: „Würden Sie sich bei der nächsten Wahl wieder für Suppe oder doch für Eintopf entscheiden?“ Der Bürger schlürft pflichtbewusst seine Wahl und denkt sich, dass er ja so ein bisschen Auswahl hat. Zumindest zwischen lauwarm und aufgewärmt.

Doch da ist auch ein Hauch von Hoffnung: Direkt neben der Wahlurne gibt es einen kleinen Tisch mit „Wunschkarten“, wo man ganz diskret seine kulinarischen Träume eintragen darf. Manche Bürger schreiben vorsichtig „Lasagne“ oder gar „Pizza“ auf die Kärtchen und schieben sie hoffnungsvoll in die Urne, als würden sie damit einen kulinarischen Frühling einläuten. Die Karte landet allerdings direkt beim „Sonderausschuss für Träumereien“, der sie sorgfältig abheftet und für den nächsten Wahlgang die Idee prüft, eine Suppe mit italienischen Kräutern zu aromatisieren – natürlich unter Wahrung der traditionellen Rezeptur.

Dann geht der Bürger jubelnd zur nächsten Wahl, denn immerhin hat man ihm diesmal versprochen: Es gibt nicht nur Suppe und Eintopf – sondern eine Supereintopfsuppe! Und für diesen Fortschritt klatscht das Volk, ohne zu merken, dass auch diese Suppe noch aus den Knochen alter Versprechen und einer Brise gut abgehangener Wahlzusagen besteht.

Die Demokratie – ein Festakt, eine Party der Möglichkeiten! Jedenfalls wird der Bürger mit großen Versprechungen zur Wahl eingeladen: „Kommen Sie zur großen Demokratie-Feier! Es erwartet Sie ein Fest der Freiheit, der Entscheidungen und der unbegrenzten Zukunftschancen!“ Mit glänzenden Augen und einem Herzen voller Hoffnung tritt der Bürger also ein, stolz und bereit, seine Stimme zu erheben. Doch kaum betritt er den Festsaal, stellt er fest, dass es sich eher um eine Einweihungsparty in einem Vereinsheim handelt.

Die Tische sind karg gedeckt, die Servietten halbherzig gefaltet – und in der Ecke hängt ein handgeschriebener Zettel: „Bitte räumen Sie auf, bevor Sie gehen.“ So viel zur „Demokratie-Party“. Statt einem rauschenden Fest findet der Bürger vor sich die altbekannten Wahlzettel – als ob jemand die gleichen Zutaten aus der letzten Wahl nochmal zusammengeschnürt und einfach mit ein paar bunten Aufklebern versehen hätte. Keine Überraschung, kein pompöses Menü, sondern dieselben zwei, drei Optionen, die man schon kannte. Und doch – irgendwie hofft man, dass dieses Mal der Geschmack ein bisschen frischer ist.

Der Moment in der Wahlkabine ist der einzige Augenblick, in dem der Bürger noch für sich alleine ist – dieser eine persönliche Moment der Stille. Der Vorhang fällt, und er steht dort, allein, vor einem Bündel von Entscheidungen, die er nie wirklich treffen wollte. In einem Augenblick der Wehmut denkt er an die großen Chancen, die er hätte haben können – an die Pizza, die vielleicht auf der Speisekarte gestanden hätte, oder die farbenfrohen Gewürze, die eine echte Wahl ausgemacht hätten. Doch dann blättert er durch die vertrauten, ewig gleichen Optionen und fühlt sich fast wie im Déjà-vu. „Eintopf oder Suppe?“ fragt der Zettel – wieder und immer wieder, als hätte sich die Zeit selbst ein wenig gelangweilt und beschlossen, die Uhr zurückzudrehen.

Und so, mit einem letzten Blick auf die eingekreiste Auswahl, zieht der Bürger seine Karte heraus, als ob er bei einem Bingo-Spiel die einzig sichere Zahl gezogen hätte. Ein leises Seufzen, ein schwerer Schritt. Die Party endet, bevor sie überhaupt begonnen hat. „Nächste Wahl“, denkt er sich und macht sich wieder auf den Weg, weil immerhin – irgendwann gibt’s ja vielleicht mal was anderes als Suppe oder Eintopf.

Und kaum hat der Bürger die Wahlparty verlassen, beginnt das nächste Spektakel der Demokratie: Die versprochene Bürgerbeteiligung! Denn schließlich, so wird ihm eifrig versichert, sei die Demokratie kein bloßes „Einmal-Kreuzchen-Erlebnis“. Nein, der wahre Schatz liege in der Mitgestaltung – in den Bürgerforen und Beteiligungsgremien, bei denen endlich auch das Volk seine Stimme erheben darf! Da flackert ein letztes Mal Hoffnung auf, vielleicht wirklich etwas verändern zu können, und so tritt der Bürger in diese heiligen Hallen der Demokratie ein, erwartungsvoll, als hätte er gerade eine Einladung zur VIP-Party des Staates erhalten.

Doch auch hier, die Realität entpuppt sich als eine dieser Partys, bei der das große Versprechen schneller verdampft als die ersten Drinks. Hier, im Zentrum der Bürgerbeteiligung, stehen die Tische hübsch gedeckt, aber die Entscheidungsmacht beschränkt sich auf ein Detail: Der Bürger darf nicht wählen, ob es Bier oder Sekt gibt – er darf höchstens bestimmen, in welcher Farbe die Servietten gefaltet werden. Während er also mühsam versucht, ein wenig Einfluss zu nehmen, heben ein paar Bürokraten am großen Tisch entspannt die Gläser. Sie wissen längst: Am Ende ändert sich so wenig, dass niemand auch nur bemerkt, wie lange diese Party schon läuft und wie oft die Serviettenfalten schon diskutiert wurden.

Während der Bürger noch darüber nachdenkt, welche Serviettenfalten denn nun die beste Wahl für das Gemeinwohl wären, wandern seine Gedanken weiter. „Am Ende sind es ja doch die Volksvertreter, die all das hier zusammenhalten müssen,“ murmelt er in sich hinein, während er die Party der Bürgerbeteiligung traurig verlässt.
Die Volksvertreter – jener edle Kader, dem man alles anvertraut, vom Großen bis ins Kleinste, weil sie doch das Beste für alle im Blick haben… oder haben sollten.
Ein faszinierendes Konzept! Stell dir vor, du würdest deinen Nachbarn beauftragen, für dich die Miete zu zahlen, den Müll rauszubringen und das Essen zu kochen. Und stell dir weiter vor, er würde das alles tun, aber statt der Miete für die Wohnung zahlt er das Abo für einen Fernsehsender, den du nie ansiehst, und statt des Mülls entsorgt er das Klavier im Keller. Tja, „Volksvertreter“ eben. Da bleibt man in guten Händen!

Stell dir vor, eines Tages würde ein fremder Koch die Bühne betreten! Er schwenkt theatralisch eine Servierschüssel und verkündet mit donnernder Stimme: „Genug von Suppe und Eintopf! Bei mir gibt es jetzt Wurstsemmeln!“
Die Menge erstarrt. Wurstsemmeln?
Das klingt so anders, so frisch, so würzig! In Scharen strömen die Menschen herbei, jeder voll Vorfreude und Sehnsucht nach dem Versprechen dieser neuen, herzhaften Speise. Und während sie ihre Stimme abgeben, raunt der neue Koch mit verschwörerischem Ton: „Keine Angst, diese Wurstsemmeln sind nur für euch – garantiert ohne Fremdgewürze oder unangenehme Beilagen.“

Doch als die Semmeln verteilt werden und der erste Bissen die Runde macht, stellt sich ein vertrauter Geschmack ein: altbackene Semmel, dick aufgestrichene Versprechungen, aber die Wurst? Hauchdünn, fettig und uralt – nur mit einem Hauch billigem Senf übertüncht.
„Aber wenigstens kein Eintopf“, murmelt einer aus der Menge, während der Rest sich leise fragt, warum sich das Neue doch wieder so anfühlt wie das Alte.
Und während das Volk noch kaut und grübelt, hat der neue Koch längst sein Ziel erreicht: Stimmenfang und Machtgewinn – mit „neuer Hoffnung“, die am Ende doch nur ein alter Hut ist, der clever neu verpackt wurde. Denn ob Suppe, Eintopf oder Wurstsemmel – am Ende bleibt die Küche dieselbe, und die Zutaten kommen aus dem gleichen, längst abgenutzten Vorratsschränkchen.

Und dennoch bleibt die Demokratie ein faszinierendes Spektakel. Denn irgendwie lieben wir es ja auch, uns zu beschweren und das System zu hinterfragen, während wir brav alle paar Jahre an die Urnen trotten und mit dem Slogan „Alles bleibt besser“ ein Kreuzchen setzen.

Und so bleibt das Floß der Demokratie weiter auf hoher See, in einem schicksalsergeben strömenden Kreisverkehr der Hoffnung und Enttäuschung. Jeder glaubt fest daran, dass sein Paddeln einen kleinen Unterschied macht, dass der nächste Ruderzug uns alle doch ein Stück näher an die verheißene Küste bringt – jene legendäre „Pizza-Bucht“, von der so oft erzählt wird. Und man paddelt, voller Elan und Überzeugung, dass es vielleicht diesmal, mit der dieser Wahl und einem frischen Schub Reformen, endlich vorwärts geht.

Doch während das Floß weiter seine Runden zieht, hegt der ein oder andere den Verdacht, dass wir alle längst in einem riesigen Planschbecken paddeln. Die Ufer sehen verdächtig vertraut aus, und der Horizont scheint auch nicht näher zu kommen. Aber natürlich, solange wir alle fleißig rudern, bleibt zumindest die Illusion der Bewegung.

Vielleicht erreichen wir irgendwann die Pizza-Bucht. Vorausgesetzt, der nächste Sturm der Wahlversprechen reißt uns nicht wieder zurück in die raue See des Einheitsbreis. Doch bis dahin, paddeln wir weiter, schimpfen über unsere Volksvertreter, diskutieren Serviettenfalten – und genießen irgendwie doch die Reise.

Und auf dem Floß der Demokratie, in einer improvisierten Kombüse, steht unser desillusionierter Chefkoch mit bekleckerter Schürze, in seinen Töpfen rührend und wachsam.
Letztlich darf der rostige Kahn nie die Pizza-Bucht erreichen – denn wäre das Volk erst satt und zufrieden, wer würde dann noch mit voller Kraft für den nächsten Löffel Eintopf rudern?

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