Brief eines Sklaven – Das Nein, das alles verändern könnte

Ein Brief aus dem Jahr 1865, der unsere Gegenwart entlarvt: Jourdon Andersons Antwort an seinen ehemaligen Sklavenhalter trifft härter als jede politische Analyse von heute. Was damals „Sharecropping“ hieß, nennen wir heute „flexible Arbeit“.
Schwarze Amerikaner hofften 1865, nach vier Jahren Bürgerkrieg (1861–1865), dass endlich eine völlig neue Welt anbrechen würde. Weiße Südstaatler hingegen waren eher darum bemüht, die gute alte Vorkriegsordnung so weit wie möglich wieder zusammenzuflicken – als hätte man das Antebellum nur kurz zum Lüften aus dem Fenster gehängt.
Die meisten ehemaligen Sklavenhalter suchten weiterhin nach Wegen, ihre frühere Kontrolle zu bewahren, nun in hübsch verpackter Form: Sharecropping-Verträge – ein System, bei dem die Arbeiter zwar „frei“ waren, aber am Ende doch wieder in den Schulden des Landbesitzers feststeckten. Es klang neu, roch aber verdächtig nach gestern.
Colonel P. H. Anderson aus Tennessee war einer dieser Herren. Nach Kriegsende schrieb er seinem einst versklavten Arbeiter Jourdon Anderson, um ihm eine „Arbeitsmöglichkeit“ anzubieten – mit dem versprechen gut für ihn zu sorgen – gewissermaßen eine Einladung zurück in die gute alte Zeit.
Was folgt, ist die Antwort von Jourdon Anderson aus dem Buch „The Freedmen’s Book“ von Lydia Maria Child, 1865 Boston.
An meinen ehemaligen Herrn, Colonel P. H. Anderson, Big Spring, Tennessee.
Sir, ich habe Ihren Brief erhalten und war erfreut zu sehen, dass Sie Jourdon nicht vergessen haben und mich wieder zu sich holen möchten, mit dem Versprechen, besser für mich zu sorgen als irgendjemand sonst es könnte. Ich habe oft Unruhe empfunden, was Sie betrifft. Ich dachte, die Yankees hätten Sie längst gehängt, weil sie bei Ihnen zu Hause Rebellen angetroffen haben. Ich nehme an, sie haben nie von Ihrem Besuch bei Colonel Martin erfahren, um jenen Unionssoldaten zu töten, den seine Kompanie im Stall zurückgelassen hatte. Obwohl Sie zweimal auf mich geschossen haben, bevor ich Sie verließ, wollte ich dennoch nicht hören, dass Ihnen etwas zugestoßen sei, und bin froh, dass Sie noch leben.
Es würde mir gut tun, an das liebe alte Zuhause zurückzukehren und Miss Mary und Miss Martha sowie Allen, Esther, Green und Lee wiederzusehen. Übermitteln Sie ihnen allen meine Grüße und sagen Sie ihnen, dass ich hoffe, wir werden uns in einer besseren Welt wiedersehen, wenn nicht in dieser. Ich wäre zurückgekommen, um Sie alle zu besuchen, als ich im Krankenhaus von Nashville arbeitete, aber einer der Nachbarn sagte mir, ihr Sohn Henry habe vorgehabt, mich zu erschießen, sobald er die Gelegenheit dazu bekäme.
Ich möchte besonders gern wissen, worin genau die gute Gelegenheit besteht, die Sie mir anbieten wollen. Mir geht es hier einigermaßen gut. Ich erhalte fünfundzwanzig Dollar im Monat, dazu Verpflegung und Kleidung; ich habe ein bequemes Zuhause für Mandy – die Leute nennen sie Mrs. Anderson – und die Kinder – Milly, Jane und Grundy – gehen zur Schule und lernen fleißig. Der Lehrer sagt, Grundy habe den Kopf eines Predigers. Sie gehen in die Sonntagsschule, und Mandy und ich besuchen regelmäßig die Kirche. Man behandelt uns freundlich.
Manchmal hören wir andere sagen: „Diese farbigen Leute waren Sklaven da unten in Tennessee.“ Die Kinder sind verletzt, wenn sie solche Bemerkungen hören; aber ich sage ihnen, dass es in Tennessee keine Schande war, Colonel Anderson zu gehören. Viele Schwarze wären stolz gewesen – wie ich es früher war – Sie ihren Herrn zu nennen. Wenn Sie mir nun schreiben und mitteilen, welchen Lohn Sie mir zahlen würden, kann ich besser entscheiden, ob es zu meinem Vorteil wäre, wieder zurückzuziehen.
Was meine Freiheit betrifft, von der Sie schreiben, dass ich sie haben könne, so ist auf dieser Seite nichts zu gewinnen, denn ich habe meine Freibriefe bereits 1864 vom Provost-Marshal-General des Departments von Nashville erhalten. Mandy sagt, sie hätte Angst, zurückzukehren, ohne einen Beweis dafür, dass Sie gewillt sind, uns gerecht und freundlich zu behandeln; und wir sind übereingekommen, Ihre Aufrichtigkeit zu prüfen, indem wir Sie bitten, uns unseren Lohn für die Zeit zu senden, in der wir Ihnen gedient haben. Das wird uns dazu bringen, alte Rechnungen zu vergessen und zu vergeben und künftig auf Ihre Gerechtigkeit und Freundschaft zu vertrauen.
Ich habe Ihnen treu zweiunddreißig Jahre lang gedient, und Mandy zwanzig Jahre. Bei fünfundzwanzig Dollar im Monat für mich und zwei Dollar in der Woche für Mandy würden unsere Einkünfte sich auf elftausendsechshundertachtzig Dollar belaufen. Rechnen Sie dazu bitte die Zinsen für die Zeit, in der unser Lohn zurückbehalten wurde, und ziehen Sie das ab, was Sie für unsere Kleidung bezahlt haben, sowie drei Arztbesuche bei mir und das Ziehen eines Zahns bei Mandy, dann wird der verbleibende Betrag zeigen, was uns nach Recht und Billigkeit zusteht. Bitte senden Sie das Geld mit Adams’s Express, zu Händen von V. Winters, Esquire, Dayton, Ohio.
Wenn Sie uns für unsere treuen Dienste in der Vergangenheit keinen Lohn zahlen, können wir wenig Vertrauen in Ihre Versprechungen für die Zukunft setzen. Wir vertrauen darauf, dass der gute Schöpfer Ihnen die Augen geöffnet hat für das Unrecht, das Sie und Ihre Väter mir und meinen Vätern angetan haben, indem Sie uns über Generationen für sich arbeiten ließen, ohne Entlohnung.
Hier erhalte ich jeden Sonnabend meinen Lohn; doch in Tennessee gab es für die Neger keinen Zahltag – nicht mehr als für die Pferde und Kühe. Gewiss wird es einen Tag der Abrechnung geben für jene, die dem Arbeiter seinen Lohn vorenthalten.
Wenn Sie diesen Brief beantworten, geben Sie bitte auch an, ob für meine Milly und Jane Sicherheit bestünde. Beide sind inzwischen erwachsen und gut aussehend. Sie wissen, wie es mit der armen Matilda und Catherine war. Ich würde lieber hier bleiben und verhungern – und sterben, wenn es darauf ankommt – als dass meine Mädchen durch die Gewalt und Bosheit ihrer jungen Herren in Schande gestürzt würden.
Bitte teilen Sie auch mit, ob in Ihrer Gegend Schulen für farbige Kinder eröffnet wurden. Das größte Anliegen meines Lebens ist es jetzt, meinen Kindern eine Bildung zu ermöglichen und ihnen zu helfen, tugendhafte Gewohnheiten zu entwickeln.
Richten Sie George Carter einen Gruß aus und danken Sie ihm dafür, dass er Ihnen die Pistole abnahm, als Sie auf mich schossen.
Von Ihrem alten Diener,
Jourdon Anderson
So. Das war 1865.
Und jetzt atmen wir alle einmal tief durch und tun so, als hätten wir uns als Gesellschaft weiterentwickelt. Als hätten wir irgendetwas verstanden. Als wären wir heute… nun ja… besser.
Aber keine Sorge — ich nehme euch diese Illusion gleich wieder ab.
Sanft. Wie ein Zahnarzt ohne Betäubung.
Denn wenn wir Jourdon Anderson zuhören, dann klingt das alles wie ein Relikt aus einer düsteren Vorzeit, eingelagert auf einem verstaubten Dachboden der Geschichte.
Bis man merkt: Der Dachboden ist heute. Und wir leben drin.
Nur dass niemand mehr „Master“ sagt, sondern „Chef“. Und niemand mehr Sharecropping nennt, sondern „flexible Beschäftigung“, „On-Demand-Arbeit“ oder — mein persönlicher Favorit — „Selbstständiger Lieferpartner“, statt Essen-Zusteller.
Damals bekam man kein Geld, heute bekommt man… auch kein Geld.
Lohnerhöhung wegen der Inflation? Wird selbstverständlich nicht ausgeglichen, denn wenn der Lohn steigt, steigt ja auch die Erwartung, dass Menschen… nun ja… leben können.
Und das wäre ja unpraktisch.
Denn Menschen, die leben können, entwickeln erfahrungsgemäß plötzlich Hobbies, Bedürfnisse, Meinungen – und im schlimmsten Fall sogar Rückgrat. Sie beginnen Fragen zu stellen, die keinen Stellenwert in einer ordentlichen, gut geschmierten Arbeitsmaschine haben: „Warum ist das so?“, „Muss ich mir das gefallen lassen?“, oder der gefährlichste Satz überhaupt: „Ich glaube, ich kündige.“ Deshalb hält man sie lieber ein paar Millimeter über dem Existenzminimum schwebend – nah genug an der Hoffnung, dass es besser werden könnte, aber weit genug entfernt, um es niemals auszuprobieren.
Da heute oft von „Lohnerhöhungen“ die Rede ist: hier wird diese Manipulation gut versteckt.
Weil wir alle seit den Achtzigern kollektiv in einem monetären Zaubertrick sitzen, bei dem die Zahlen vorne zwar größer werden, während die Kaufkraft hinten aus dem Kulisse fällt – um nicht eine andere Umschreibung dafür zu verwenden.
Man muss sich nur erinnern, dass ein Familienvater mit einem einzigen Einkommen früher eine fünfköpfige Familie ernährte, ein Häuschen baute, ein Auto fuhr und es trotzdem noch schaffte, am Sonntag auszuschlafen, ohne vom Dispo-Zins aus dem Bett gehupt zu werden.
Heute braucht man für denselben Lebensstandard zwei Einkommen, drei Nebenjobs, vier Energiesparlampen und die Geduld eines tibetischen Mönchs – und selbst dann bleibt am Monatsende oft nur der beruhigende Gedanke: „Immerhin funktioniert das WLAN noch.
Wir haben uns lediglich darauf geeinigt, das alte System nicht mehr offen „Ausbeutung“ zu nennen, sondern es in hübsch glitzernde Begriffe zu wickeln – als würde man ein Fossil in Geschenkpapier packen und hoffen, niemand merkt, dass es immer noch stinkt. Heute heißen die Plantagen einfach „Arbeitsmarkt“, was viel freundlicher klingt und gleichzeitig die Illusion erzeugt, man könnte dort frei herumlaufen und Früchte pflücken, während man in Wahrheit nur von einem Feld zum nächsten getrieben wird, stets mit dem beruhigenden Hinweis, dass man „flexibel“ sein muss.
Flexibel wie ein Gummiband kurz vor dem Reißen.
Und während früher ein Colonel noch mit gezücktem Colt hinter einem herlief, übernimmt das heute ein dezentes System aus steigenden Lebenserhaltungskosten, stagnierenden Löhnen und einer Bürokratie, die selbst Loriot nur mit einem langen Seufzer und einem schlecht sitzenden Jägerhut hätte verfilmen können. Damals war es der junge Herr auf dem Pferd, der einem die Würde raubte; heute ist es der Sachbearbeiter im vierten Stock, der mit einem unergründlichen Lächeln verkündet, dass „für Sie leider kein Termin frei ist, versuchen Sie es online“.
Kurz: die Peitsche wurde durch Formulare ersetzt.
Und selbstverständlich beteuert man überall, dass heute alles ganz anders sei – moderner, humaner, effizienter.
Was stimmt.
Die Effizienz ist beeindruckend.
Noch nie konnten so viele Menschen gleichzeitig so elegant in prekären Verhältnissen gehalten werden, ohne dass auch nur ein einziger Sklavenhalter sich die Hände schmutzig machen müsste. Man drückt einfach „Zustimmen“ auf dem Smartphone, und der Rest erledigt sich von selbst.
Das nennt man heute Fortschritt – ich frage mich aber: für wen?
Und falls wirklich jemand laut wird mit der Idee, dass Löhne steigen müssten, damit die Menschen nicht nur existieren, sondern – Gott bewahre – leben könnten, gibt es irgendwo einen Verband, einen Think Tank oder einen sehr besorgten Millionär, der erklärt, dass das „die Wettbewerbsfähigkeit gefährde“ und man doch bitte Verständnis haben möge.
Für wen, wird nicht so klar. Aber sicher nicht für die, die den Wettbewerb austragen müssen.
Das alles wirkt, wenn man es sich nüchtern ansieht, wie die zivilisierte Version jener Zustände, die Jourdon in seinem Brief beschrieb.
Man darf bei all dem nicht vergessen, mit welcher geradezu königlichen Höflichkeit Jourdon Anderson seine Antwort verfasste – einer Höflichkeit, die so scharf war, dass sie den Colonel vermutlich schlimmer getroffen hat als jeder physische Hieb.
Denn er schrieb nicht wie ein Unterworfener, sondern wie jemand, der seine Menschenwürde in die Hand nahm und sie wie einen Spiegel vorhielt, in dem der alte Sklavenhalter zum ersten Mal sein eigenes Gesicht sah. Diese Mischung aus Ironie, Gelassenheit und wohldosierter Schadenfreude – dieses „Ich wünsche Ihnen selbstverständlich alles Gute, aber überweisen Sie mir bitte zuerst die ausstehenden elftausendsechshundertachtzig Dollar“ – würde, übertragen auf unsere Zeit, vermutlich Erdbeben auslösen.
Wenn wir heute mit derselben klaren Selbstachtung auftreten würden, mit der Jourdon schrieb; wenn wir unsere Forderungen nicht flüsterten, sondern sauber artikulierten; und wenn Gewerkschaften tatsächlich das täten, was in ihren Gründungsurkunden steht, nämlich für die Arbeitenden zu kämpfen und nicht bloß für die Statistik zu verhandeln – ja, dann wäre vielleicht so mancher Chef geneigt, einmal kurz aufzusehen und zu bemerken, dass auch wir Lohn erhalten müssen, und nicht nur die rosigen Versprechen eines Wirtschaftsausblicks, der immer morgen besser wird, aber nie heute.
Und vielleicht, ganz vielleicht, ist genau das die wahre Errungenschaft der Moderne:
Nicht etwa, dass die alten Systeme verschwunden wären, sondern dass sie gelernt haben, sich so geschmeidig an die Gegenwart anzupassen, dass man sie kaum noch erkennt. Damals bedrohte der Mangel das Überleben, heute bedroht er den Lebensstil – doch das Prinzip bleibt dasselbe: Man hält die Menschen knapp genug, um sie beschäftigt zu halten, und beschäftigt genug, um sie von allem abzuhalten, was ihre Lage tatsächlich verändern würde.
Dafür erhalten wir PowerPoint-Präsentationen, in denen uns anhand bunter Pfeile erklärt wird, warum eine Lohnerhöhung „derzeit nicht darstellbar“ ist – und nicken höflich, als ginge es uns nichts an. Die Peitsche heißt heute „Budget“, der Stall heißt „Arbeitsmarkt“, und der Mangel kommt nicht mehr als Donnerhall, sondern als höfliche Mail:
„Leider derzeit nicht machbar.“
Am Ende hat sich nur die Verpackung geändert.
Früher, 1865, war es Jourdon – der Sklave –, der die Würde hatte, ruhig und klar Nein zu sagen.
Nur: Es ist nicht mehr 1865.
Und wir sind nicht mehr Jourdon.
Wir trauen uns heute nicht, so viel Selbstachtung zu zeigen – und höflich lächelnd zu sagen:
„Nein. Nicht mit mir.“

