Bleibt stabil Freunde (Winnetou weint) – Eine kleine Geschichte über ein großes Wort

Während der Challenge, die ich zuletzt ausgerufen habe – und die das Wort „Sperrklinkeneffekt“ für sich entscheid – wurden mir einige Vorschläge gemacht. Unter anderem von Felix Weißert das Wort „Freunde“.
Er schrieb dazu: „Die inflationäre Verwendung dieses Begriffes liegt mir schon lange im Magen.“
Da ich ebenso denke, nehme ich mir heute diesen Vorschlag vor.
Freunde. Ja, Freunde.
Ein Wort, das heutzutage schon fällt, wenn jemand auf Social Media einen Post liked, zweimal hustet und ein GIF von einer tanzenden Ente schickt – und schon heißt es: „Danke, mein Freund!“.
Und ich sitze da, kratze mich am Kopf und denke: Moment mal, Marvin.
Wir kennen uns seit… was? Drei Tagen?
Und davon waren zwei Tage wohl eher algorithmische Versehen, die nicht mal meine Großmutter als Schicksal durchgehen lassen würde!
Schreibt der mir doch nach genau zwei gemeinsamen Kommentar-Begegnungen auf einer Plattform: „Bruder, ich bin immer für dich da, wenn du Frage hast.“
Und ich dachte: Immer?
Wir haben uns noch nicht mal darauf geeinigt, ob wir uns duzen oder nur algorithmisch miteinander verwandt sind. Aber liegt eventuell daran, das er ein Persönlichkeitscoach ist und mir wahrscheinlich was verkaufen will.
Leute, bitte: Ich bin mit Karl May groß geworden – nicht mit diesen Netflix-Softskill-Western, in denen jeder Konflikt durch gemeinsames Atmen in Richtung Sonnenuntergang gelöst wird. „Freund“ war für mich ein Wort mit der Bedeutungstiefe eines Marianengrabens, ein Begriff so wertvoll und rar, dass er heute fast schon exotisch wirkt. Wie ein Stück gespaltenes Ofenholz: selten geworden, unverfälscht – und ja, manchmal splitterig. Aber gerade das macht es echt.
In meiner Kindheit war Freundschaft etwas Heiliges.
Etwas, das man nicht einfach inflationär verteilt wie Rabattcodes für Nahrungsergänzungsmittel, die einem versprechen, das Leben zu verlängern, obwohl sie nicht mal den Tag retten.
Ich durfte schon früh Karl Mays Winnetou lesen. Papa meinte damals, ich sei alt genug – eine Aussage, die rückblickend in etwa so mutig war wie einem Sechsjährigen die Bedienungsanleitung für einen emotional empfindlichen Atompilz zu überreichen. Denn was er nicht wusste: Ab diesem Moment war ich offiziell sozial unbrauchbar. Ein Social Awkward, frisch geschlüpft, mit unrealistischen Erwartungen an das menschliche Miteinander und mit einem Herz, das von da an nur noch in Wild-West-Melodien von Martin Böttcher schlug.
Denn in den Seiten von Winnetou und Old Shatterhand begegnete mir eine Freundschaft, von der ich vorher nicht einmal zu träumen wagte. Eine Freundschaft, die nicht durch drei WhatsApp-Smileys und einen sporadischen „Brudi?“-Check-in definiert war, sondern durch Dinge von beinahe geologischer Bedeutung: gegenseitigen Respekt, wortlose Loyalität und dieses feierliche Einverständnis, im Zweifelsfall füreinander eine blaue Bohne einzufangen.
Da wurden Versprechen nicht einfach gegeben – sie wurden gegerbt, geglüht und wahrscheinlich auch noch mit Büffeltalg poliert. Vertrauen war kein Gefühl, sondern ein Rohstoff, der erst nach einem halben Jahrhundert gemeinsamer Lebensgefahr als „ausreichend erprobt“ galt. Und zwischen Sätzen wie „Mein Bruder“, „Uff“ und „Ich sterbe… aber es ist gut“ lernte ich, dass echte Verbundenheit offenbar in der Lage ist, dramatischer zu sein als jede Renaissance-Oper, aber gleichzeitig bodenständig wie ein Lagerfeuer mit Bohnenüberschuss. Und wenn Du nicht weißt, was eine blaue Bohne ist, dann bist du zu jung, um das hier zu verstehen.
Old Shatterhand und Winnetou — das war kein „Bro, lass mal DMs tauschen“.
Das war Freundschaft mit Einschusslöchern. Mit Pathos. Mit Ehre.
Eine Art seelenverwandtes Duo, das heute vermutlich schon nach dem ersten gemeinsamen Abenteuer eine eigene achtteilige Miniserie bekäme.
Und genau an dieser Stelle, zwischen Felsplateau und Faltblatt-Romantik, merkt man, wie schwindelerregend weit wir uns vom damaligen Verständnis von Verbundenheit entfernt haben. Denn Karl May schrieb Freundschaft nicht einfach — er meißelte sie. Mit einer solchen Hingabe, dass man beim Lesen fast vergisst, wie unbequem ein Sattel eigentlich ist. Jeder Blick, jedes Wort zwischen den beiden trug das Gewicht einer ganzen Steppe: episch, ernsthaft und vollkommen frei von ironischen Zwinker-Emojis.
Der Tod Winnetous ist so fein ziseliert, so gravitätisch und liebevoll beschrieben, dass ich selbst heute noch feuchte Augen bekomme — und das, obwohl ich inzwischen streng darauf achte, meinen Flüssigkeitshaushalt nicht für literarische Zwecke zu verschwenden. May trifft da eine Saite, die irgendwo zwischen Herz, Zwerchfell und moralischem Kompass gespannt ist. Und ja: Man darf lächeln über den Pathos, aber nicht darüber spotten. Denn der Mann hat eine Sterbeszene geschrieben, die mehr Emotionalität trägt als sämtliche modernen Serienfinals zusammen – und das ganz ohne dramatische Musik, Zeitlupe oder kunstvoll fallende Wüstensandkörner.
Karl May hätte vermutlich gesagt:
„Der Freund prüft sich nicht in Worten, sondern im Schatten der Gefahr.“
Und müsste er es heute aktualisieren, würde er wohl hinzufügen:
„… oder mindestens im Schatten eines Akkustandes unter zehn Prozent.“
Ein Satz, der tragisch genug klingt, um in sein Werk zu passen — und gleichzeitig modern genug, um jeden Smartphone-Besitzer nervös zum Ladekabel greifen zu lassen.
Wo war ich? Ah, als Winnetou für Old Shatterhand sterben musste. Zumindest im Film.
Wenn heute eine Freundschaft stirbt, hinterlässt sie maximal ein letztes digitales Haiku:
„Account für immer deaktiviert. Danke für alles. Bleibt stabil.“
Ein Abschied so nüchtern, dass selbst ein Taschenrechner dabei feuchte Augen bekäme.
Winnetou wäre im Grab rotiert wie eine Windkraftanlage im Sturm, deren Betreiber vergessen hat, die Bremse anzuziehen. Denn Freundschaft damals – das war eine Disziplin, für die man heute vermutlich ein Zertifikat bräuchte, ausgestellt vom Amt für Emotionale Schwerstarbeit: Zwei Menschen, die füreinander durchs Feuer gingen, notfalls auch zweimal, weil das erste Feuer ihnen zu wenig Pathos hatte.
Freundschaft heute hingegen?
Zwei Accounts, die füreinander durchs Scrolling gehen.
Ein Doppeltipp hier, ein Herzchen da, und schon glaubt man, man hätte eine emotionale Großtat vollbracht. Die moderne Loyalität misst sich in Pixeln, nicht in Pulsschlägen. Und wenn’s richtig ernst wird, schickt man ein GIF – vorzugsweise ein tanzendes Lama, das Trost symbolisieren soll, aber eigentlich nur sagt: „Ich wusste nicht, was ich schreiben soll.“
Kurz: Früher hat man gemeinsam Banditen vertrieben.
Heute bekämpft man gemeinsam höchstens die Autokorrektur.
Weißt du, früher musste man sich noch anstrengen für einen Freund.
Da musste man wenigstens einmal zusammen eine Horde Komantschen überleben.
Oder gemeinsam einen marodierenden Büffel zur Strecke bringen.
Oder sich wenigstens gegenseitig retten — einmal, nicht ironisch, nicht passiv-aggressiv.
Heute reicht es, wenn jemand schreibt:
„Hey, cooler Post.“
Und zack, follow — Freund fürs Leben.
Ein Ritterschlag, verliehen vom Algorithmus persönlich, flankiert von zwei Likes und einer Verlegenheitsemotion.
Es gibt da ja auch diese neue Kategorie: die Influencerfreundschaft.
Zwei Menschen, die sich noch nie gesehen haben, aber gemeinsam so tun, als würden sie sich im geistigen Sinne die Haare halten, wenn’s emotional brennt.
Und das alles, weil sie einmal gleichzeitig „#blessed“ gepostet haben.
Manchmal habe ich das Gefühl, die moderne Welt hat das Wort Freundschaft so stark verwässert, dass selbst ein Teebeutel neidisch wird — schließlich wird der wenigstens noch kurz in heißes Wasser geworfen, bevor er Geschmack abgeben darf. In Social Media dagegen genügt ein kurzer Klick, und schon wird man mit einer Verbindlichkeit überschüttet, die früher nur nach Blut-, Schweiß- oder mindestens Lagerfeuerpakt vergeben wurde.
Ja, genau – Echte Freundschaft ist wie ein Lagerfeuer:
Sie brennt nicht schneller, nur weil man hektischer daran herumwedelt.
Nichts gegen Social Media — dort sitzen viele wunderbare Menschen, die tatsächlich ein Herz haben und nicht nur ein Profilbild.
Aber die Geschwindigkeit, mit der manche dort „Freund“ sagen, lässt selbst Old Shatterhand nervös seinen Henry-Stutzen polieren. Und zwar nicht, weil er misstrauisch wäre, sondern weil er schlicht nicht glauben könnte, dass man eine solche Bezeichnung heute ohne Lebensgefahr, Pferdeschweiß oder wenigstens einen dramatischen Horizont verdient auf den man gemeinsam zu galoppiert.
Ich hätte Karl May ja zu gern einmal im Jahr 2025 erlebt.
Old Shatterhand: „Winnetou hat drei Posts von mir geliked.“
Winnetou: „Mein Bruder irrt. Dies ist noch kein Grund zur Blutsbrüderschaft.“
Shatterhand: „Doch! Er hat sogar ein Meme kommentiert!“
Winnetou: „Dann… vielleicht… ist er ein… guter Bekannter.“
Shatterhand: „Aber er hat ‚Bro‘ geschrieben!“
Winnetou: „Uff.“
Natürlich lästere ich. Wie immer. Wie es sich gehört beim Schalltrichter.
Aber eigentlich — und das bleibt bitte diskret zwischen uns, wie zwei Spuren im Wüstensand — eigentlich schmerzt diese ganze „Freunde“-Inflation. Weil sie ein Wort entwertet, das früher einmal Gewicht hatte. Ein Wort mit Herzschlag. Ein Wort, das man nicht einfach so in die Timeline warf wie eine überreife Banane in den Kompost.
Ein Freund war jemand, dem man vertraute.
Wirklich vertraute.
Nicht jemand, der zufällig denselben Algorithmus gefüttert hat und nun glaubt, Seelenverwandtschaft sei ein Nebenprodukt des Scrollens.
Vielleicht zeige ich damit mein Alter.
Oder meinen Karl-May-Kitsch.
Oder einfach die Sehnsucht nach etwas Echtem, das nicht sofort mit einem Emoji bestätigt werden muss — vorzugsweise einem, das Tränen lacht, obwohl niemand wirklich gelacht hat.
Heutzutage gilt man ja schon als „enger Freund“, wenn man denselben Podcast hört und einmal gemeinsam über den Algorithmus geschimpft hat.
Vielleicht bin ich deshalb bis heute ein Social Awkward — weil ich mich lieber blöd anstelle, als mich an eine Welt zu gewöhnen, in der Freundschaft schneller entsteht als eine Push-Nachricht.
Also, liebe Freunde — und ich meine das im ursprünglichen, leicht staubigen, ehrfürchtig gepflegten Sinne:
Wir kennen uns. Wir mögen uns.
Aber keiner von euch hat bisher für mich einen Bären erschossen oder mich vor einer Kugel gerettet.
Lasst uns dieses herrlich alte Wort nicht weiter verwässern.
Oder, falls das unvermeidlich ist, dann lasst uns wenigstens herzhaft darüber lachen.
Denn wenn Karl May eines verstanden hat, dann dies:
Freundschaft ist ein Schatz.
Und man sollte sie nicht an jeden verleihen, der einem ein GIF schickt.
Uff. Ich habe gesprochen.

